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 Der Posaunenengel war ein Geschenk des Orgelbauers Friedrich Meier an das Städtische Museum Herford um 1882. Er stammte von einer alten Orgel in der Stephanskirche zu Vlotho von 1640. Daniel-Pöppelmann-Haus/Städtisches Museum Herford; Foto: Greta Schüttemeyer, LWL-Medienzentrum für Westfalen.

 Der Posaunenengel war ein Geschenk des Orgelbauers Friedrich Meier an das Städtische Museum Herford um 1882. Er stammte von einer alten Orgel in der Stephanskirche zu Vlotho von 1640. Daniel-Pöppelmann-Haus/Städtisches Museum Herford; Foto: Greta Schüttemeyer, LWL-Medienzentrum für Westfalen.

 

„Neu-eingerichtetes Herfordisches Gesang-Buch“, Herford 1750. Kommunalarchiv Herford; Foto: Greta Schüttemeyer, LWL-Medienzentrum für Westfalen

„Neu-eingerichtetes Herfordisches Gesang-Buch“, Herford 1750. Kommunalarchiv Herford; Foto: Greta Schüttemeyer, LWL-Medienzentrum für Westfalen

 

08. Juli – 03.September 2017

Klang der Frömmigkeit

Mit der Wanderausstellung „Klang der Frömmigkeit“ widmet sich der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in Kooperation mit dem rock’n’popmuseum Gronau und mit Unterstützung der Evangelischen Kirche von Westfalen dem vielfältigen kirchenmusikalischen Erbe Westfalens und dessen Bedeutung in der Reformation und darüber hinaus.


Die Reformation verbreitete sich durch Musik. Die evangelische Kirche war von Beginn an eine singende, klingende Kirche. Für Martin Luther, auch als „Vater der Kirchenlieder“ bezeichnet, war Musik Mittel der Verkündigung, Geschenk Gottes und Medizin gegen das Böse. Lieder gaben der Gemeinde eine Stimme – und zwar nicht in der Liturgiesprache Latein, sondern allgemein verständlich auf Deutsch. Luthers Choräle sind heute Gesangbuchklassiker. Auch die reformierte Tradition maß der Musik einen besonderen Wert bei.


Die Ausstellung begibt sich auf die Suche nach dem Sound der frohen Botschaft. Sie vermittelt multimedial Einblicke in die Geschichte der deutschsprachigen Kirchenmusik und dies auch über die Kirchenmauern hinaus. Mit überregionalen Stücken, aber auch Texten, Kompositionen und Vertonungen aus der Region soll Westfalens musikalisches Potential lebendig werden. Die Musiktraditionen und die Klangvielfalt West¬falens in Geschichte und Gegenwart sollen durch Texte, Objekte, Bild- und Tonquellen erlebbar werden.


Im Rahmen des Jubiläums richten sich die Augen vielfach auf die Wiege der Reformation in den östlichen Teilen Deutschlands. Die Ausstellung möchte den Fokus aber auf Westfalen lenken. Mit seiner heterogenen konfessionellen Struktur und wechselvollen Geschichte verfügt Westfalen im Bereich der Kirchenmusik über eine lange Tradition, aber auch über regionale Varianten und örtliche Besonderheiten. So entwickelten sich in Westfalen besondere musikalische Traditionen, wie etwa die Posaunenchorbewegung in Ostwestfalen, das Gloriasingen in Soest, das Kantatefest in Herford oder die Musicals und Oratorien der Stiftung Creative Kirche in Witten. Zudem ist Westfalen eine bekannte Orgellandschaft.


„Westfalia non cantat“ (Westfalen singt nicht) heißt es gemeinhin. Die Ausstellung verdeutlicht aber die vielfältigen Facetten der in der Reformation entstandenen und gelebten Musiktradition als Teil einer neuen, von aktiver Mitgestaltung geprägten Kultur.


Die Ausstellung ist thematisch gegliedert. Sie behandelt in fünf Kapiteln die Themen: Reformation und Musik in Westfalen, Singebewegung, Instrumente, politische Instrumentalisierung des Liedes und Popmusik. Die einzelnen Aspekte werden mit Liedgut und Instrumenten erschlossen. Der Schwerpunkt liegt auf dem Gesang. Er ist neben Predigt und Liturgie in deutscher Sprache das Herzstück des protes¬tantischen Gottesdienstes und des Gemeindelebens. Dieses Element setzte die aktive Beteiligung der Gemeinde voraus und ist bis heute in allen Regionen Westfalens ein zentraler Bestandteil der evangelischen Frömmigkeitspraxis.


Wesentliches Exponat ist in dieser Ausstellung sicherlich die Musik selbst, vermittelt in Ton- sowie Bild-Ton-Dokumenten. Darüber hinaus präsentiert die Ausstellung Instrumente, Gesangbücher und Notenblätter, Skulpturen, reli¬giöse Druckgrafik, Gemälde, Materialien kirchenmusikalischer Veranstaltungen sowie Bühnenkleidung und -requisiten. Das rock’n’popmuseum Gronau hat Interviews mit den Vertretern wichtiger Vermittlungsinstitu¬tionen und aktiven Künstlern der religiösen Popmusikszene seit 1960 geführt, die Einblicke in Konzepte und Initiativen geben. Es waren im Wesentlichen die Menschen und einzelne Ini¬tiativen, die bewegten und Akzente setzten. Westfalen prägte und wurde geprägt.
Unter den Ausstellungsstücken sind historische Gesangbuchausgaben aus dem 16. Jahrhun¬dert aus einer Privatsammlung von Pfarrer i.R. Wilhelm Gröne aus Menden. Zudem hat das Stadtarchiv Soest das kostbare Werk „FrewdenSpiegel deß ewigen Lebens“, anno 1599, als Leihgabe zur Verfügung gestellt. Das Trost- und Erbauungsbuch enthält im Anhang die Kirchen¬lieder „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ und „Wachet auf, ruft uns die Stimme“. Diese haben bis in die heutige Zeit weite Verbreitung gefunden und Wirkung entfaltet. Wie¬derholt hat man sie als „König und Königin unter den Chorälen“ bezeichnet. Der Theologe und lutherische Hofprediger Philipp Nicolai (1556-1608) hat das Buch unter dem Eindruck der Pest in Unna, wo er eine Pfarrstelle inne hatte, verfasst.  


Mit einem Audio Guide können die BesucherTondokumente hören. Zu hören sind bekannte, aber auch weniger bekannte Lieder und Instrumentaleinspielungen. Unter den präsentierten Tonbeispielen finden sich auch Stücke mit westfälischem Bezug und Aufnahmen westfälischer Interpreten, wie etwa der evangelischen Kantorei Iserlohn. Daneben gibt es Film- und Hörstationen, die Eindrücke von Musikrezeption und -tradition vermitteln.


Die Ausstellung wird ergänzt durch einen wissenschaftlichen Begleitband, der wesentliche Themen der Ausstellung vertieft und zum Teil neue Forschungsansätze bietet, in Bezug auf die Musikgeschichte des Kulturraums Westfalen.


Darüber hinaus hat die Geschichtsmanufaktur Dortmund ein museumspädagogisches Begleitprogramm für Erwachsene sowie die Sekundarstufe II entwickelt.


Text: Dr. Silke Eilers, LWL-Museumsamt für Westfalen
Fotos:  Greta Schüttemeyer, LWL-Medienzentrum für Westfalen
Plakat: Gestaltung Gaby Bonn  Foto fotolia © Howgill