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SCHAUPLATZ MUSEUM

Notizen, Interviews, Zeitreisen

 

 

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Eines Tages wurde die Neugier befriedigt, mit der ich stets an der Villa Schönfeld vorbeigegangen war. Sonja Langkafel, Leiterin des Museums, hatte Herfords Stadtführer eingeladen, um ihnen die bereits fertiggestellten Räumlichkeiten sowie Zukunftsplanungen vorzustellen. Auch ich (Michael Girke, Filmhistoriker, Publizist und quasi nebenan wohnend) durfte dabei sein. Und war stehenden Fußes beeindruckt. Weil es um Geschichte ging, aber eben nicht allein die allgemeine, vermeintlich große, sondern um jenen Teil davon, der auf vielerlei Weise unter die Haut geht: die Geschichte meines Ortes und somit eben auch des eigenen Herkommens.


Die Räumlichkeiten, Gegenstände, Bilder der Villa - mir ermöglichten sie Reisen im Rückwärtsgang, ließen an alle möglichen vergangenen Dinge in Herford denken, an Kriege, an friedliche Tage, Mondaufgänge und Sonnenuntergänge, an Familienleben, Religion, Liebe, an Arbeitswelten und Alltagssorgen.


Schüchterne Frage an die Museumsleiterin: Kann man sich auf irgendeine Weise nützlich machen bei Ihrem faszinierenden Projekt?
Antwort: Wenn Sie mögen, schreiben Sie doch drüber.
Gesagt, getan.


Ganz wichtig zu erwähnen: Das Museum ist unvollendet, noch im Werden begriffen; die künftige stadtgeschichtliche Dauerausstellung entsteht gerade. Heißt: Ideen werden entwickelt, Fragen erörtert. Was ist das Kennzeichnende der Herforder Geschichte; wie, nach welchem Narrativ sie erzählen und präsentieren? Hochspannende Vorgänge, die doch alle Herforder angehen und die man allzu selten einmal aus der Nähe erleben kann. Lauter gute Gründe also, von hinter den Mauern der Villa Schönfeld zu berichten. Was von nun an dieser Stelle geschieht - in Form einer losen Folge von Notizen, Interviews und, natürlich, Zeitreisen.

 

 

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Beate Mertens (links) und Erika Kosswig sitzen gemeinsam an einer schwierigen Briefpassage.

 

 

 Ein Kästchen, in dem die Familie Schönfeld Briefe gesammelt hat - teilweise in Bündeln mit Schleifchen zusammengehalten. Es sind Briefe aus dem 19. Jahrhundert - 151 von rund 3000 Briefen insgesamt.

 

 

 

Nicht nur Eigenarten der Handschriften, sondern auch durch Lochung zerstörte Wörter sowie die Angewohnheit, die Ränder mit kleinsten Nachrichten zu versehen, statt einen neuen Bogen zu nehmen, machen es den ehrenamtlichen Helferinnen manchmal schwer, die Briefe zu übertragen.

 

 

Dienstag, 12. September 2017

 

Verbrieftes Leben

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Michael Girke: Für das Museum übertragen Sie beide historische, in Sütterlinschrift verfasste Briefe der Familie Schönfeld ins heutige Schriftdeutsch. Was sind dabei die größten Schwierigkeiten?


Beate Mertens: Wenn Namen auftauchen, die man nicht kennt und nicht ermitteln kann.


Erika Kosswig: Das ist insbesondere bei Emilie der Fall, der jüngeren Schwester von Helene Schönfeld. Die schreibt derart unleserlich, das hat mit Sütterlin oder Altdeutscher Schrift oft gar nichts mehr zu tun. Ich habe mir inzwischen eine Liste mit all den ihr eigenen Buchstabenbildungen angefertigt und muss trotzdem immer wieder raten.

 


MG: Gibt es Momente, wo droht, dass Sie aufgeben?


BM: Die gibt es immer wieder. Dann kommt man absolut nicht weiter und legt einen Brief beiseite. Doch der Reiz bleibt, man schaut immer wieder drauf, und irgendwann fällt einem die Lösung ein.

 


MG: Was genau fasziniert an dieser Arbeit mit alten Briefen?

 

EK: Mir ist es angeboren oder anerzogen, allem auf den Grund zu gehen. Mich begeistern beispielsweise Rätsel, bei denen man um die Ecke denken muss. Dem kommt die Übertragung dieser Briefe nahe. Manchmal liege ich nachts wach und überlege, wie eine Formulierung lauten könnte. Getragen auch von dem schönen Gefühl, das es irgendwem nützt.


BM: Die Familiengeschichten der Schönfelds finde ich spannend. Dass sie einmal eine Spinnerei besaßen, welche Berufe die Kinder dann später ergriffen …
EK: … anfangs bekam ich Briefe aus der Zeit um 1904 bis‘06, als die Kinder noch klein waren. Wenn man weiterliest, wächst man gewissermaßen mit der Familie: was ist aus diesem kleinen Mädchen geworden, wie war die Denkweise der Familie in der Kaiserzeit und danach? Politisches taucht immer wieder auf, etwa in den in der Hitlerzeit geschriebenen Briefen.

 


MG: Wie viele Briefe gibt es insgesamt und wie viele haben Sie bislang geschafft?


EK: Rund 3000 gibt es, wovon wir bis jetzt ca. 250 übertragen haben.

 


MG: Sie stecken ein nicht unerhebliches Quantum Lebenszeit in diese Arbeit. Bis zum Ende?


EK: (lacht) So weit ich vorauszublicken vermag, ja. Durch diese Arbeit hat man schließlich viel Kontakt zu anderen Menschen …


BM: … so etwas kann man doch gut bis zuletzt machen, selbst dann noch, wenn man im Rollstuhl sitzt.   

 

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Erika Kosswig und Beate Mertens übertragen ehrenamtlich die in deutscher Schrift oder Sütterlin verfassten Briefe in unsere lateinische Schrift.

 

 

 Emilie (links) mit ihrer Mutter und einer Freundin im Garten der Villa

 

 

 

Emilie (links) mit ihrer Schwester Helene 1960

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 06. September 2017

 

Die Frau, die viel wusste

Teil 2

 

Von MICHAEL GIRKE

 

 

Michael Girke: Welche Einflüsse bestimmten zu Beginn der 1920er-Jahre Emile Schönfelds Selbstverständnis und Selbstbild? Schöpfte sie aus Lektüren, oder ist es für betuchtere ostwestfälische Töchter jener Zeit üblich gewesen, einen Weg wie sie zu gehen?

 
Sonja Langkafel: Als Emilie Schönfeld ihren Doktor gebaut hatte, das ist dokumentiert, erfuhr sie eine Menge Bewunderung. Was sie machte, war also bestimmt nicht das Übliche. Freilich muss an dieser Stelle gesagt werden, dass wir noch dabei sind, ihre Briefe auszuwerten, längst nicht alle sind transkribiert. Wir, d.h. meine ehrenamtlichen Mitstreitrinnen, die die Briefe der Schönfelds in lateinische Schrift übertragen, und ich haben aber Hinweise. Nach der hauswirtschaftlichen Ausbildung folgte für Emilie ein Praktikum in der Herforder Stadtverwaltung, das in Richtung Fürsorge ging. Danach Besuch einer Wohlfahrtspflegeschule in Münster. Das waren Anfänge einer Sozialarbeiterinnenkarriere.
Nächste Station war Göttingen, wo sie mit Kara von Borries studieren wollte. Um diese drehten sich viele ihrer Göttinger Briefe an die Schwester. Die Anlehnung muss stark, Emilie eine Art „Anhängsel“ gewesen sein. Aber das kippte. Ab 1926 trat ein immer größerer Eigensinn zutage. Kara und sie wollten in Bonn weiterstudieren, doch Emilie blieb. Wegen ihres Examens, aber auch weil die Eltern aus finanziellen Gründen zuerst gegen den Wechsel votierten. All das zu lesen, ist spannend, doch ein abschließendes Urteil über Emilie Schönfelds Motivation kann ich noch nicht geben.

 

MG: Wann kam die Polizei ins Spiel?


SL: Im Zusammenhang mit der Fürsorgerinnenausbildung. Irgendwann muss der Gedanke aufgekommen sein: ich muss Geld verdienen! Und nach mehreren Praktika hatte Emilie eine staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspflegerin zuerkannt bekommen. Woraufhin hin sie in der Gefährdeten-Fürsorge arbeitete, sprich: mit jungen Mädchen, die vor der Prostitution bewahrt werden sollen. Dieser Arbeitsbereich – das sind die Anfänge der weiblichen Kriminalpolizei. Und Emilie Schönfeld durchlief die üblichen Stationen: Kriminalsekretärin, Obersekretärin, etc. Ende der 1930er, der Zweite Weltkrieg hatte schon begonnen, war sie Kommissarin.


MG: Die »Frankfurter Allgemeine« hat vor einigen Wochen eine 16-jährige Schülerin, die großer Jane Austen Fan ist, gebeten zu notieren, warum eine junge Frau von Heute so etwas liest. Die Schülerin schrieb: Jane Austens Heldinnen brechen aus den herrschenden Denkgewohnheiten aus, geben sich nicht mit einem Leben im Schatten der Männer zufrieden. Könnte man so etwas auch über Emilie Schönfeld sagen?


SL: Was ich auffällig finde, ist, dass weder Emilie noch ihre Schwester Helene Schönfeld je geheiratet haben. Ich weiß aus der Familie, dass es da wohl so etwas wie einen Schwur gab: Wir werden alle nicht heiraten! Wieso, weshalb – ich habe bislang keinerlei Anhaltspunkte. Man kann aber überlegen, was die Generation, die um 1900 geboren wurde, kennzeichnet. Deren prägende Jugenderfahrungen sind der Erste Weltkrieg und die Weimarer Republik gewesen. Letztere stellte ja einen totalen Bruch gegenüber der vorher gekannten Welt dar. Es gab neue Lebensweisen.


MG: In den 1970er-Jahren wurde Jane Austen zu einer frühen Feministin stilisiert. Zu einer jener Frauen also, die vor langer Zeit schon über das Dasein als Frau in einer Männergesellschaft reflektiert oder aus vorgesehenen Rollenmustern auszubrechen versuchten haben. Wie sieht es diesbezüglich bei Emilie Schönfeld aus?


SL: Seltsam, dass so häufig Jane Austen ausgeguckt wird. Ein viel besseres Vorbild wäre doch jemand wie Dorothea Erxleben, die als erste Frau im 17. Jahrhundert promoviert hat - als Ärztin. Überhaupt bilden Arztinnen in Sachen Studium und Erlangung der Doktorwürde die Speerspitze. 1896 wurden in Preußen die ersten Gasthörerinnen an den Universitäten zugelassen, irgendwann danach durfte man als Frau studieren. Das dürfte Emilie Schönfeld als Jugendliche mitbekommen haben. Und in der Tat: man muss sich anschauen, was in den von ihr gelesenen Büchern stand, welche Role Models, welche Vorbilder da sichtbar werden.


MG: Emilie Schönfeld und Feminismus - lässt sich da irgendein Zusammenhang herstellen?


SL: Nein, sie stand nicht einmal der konservativen Frauenbewegung nahe. Viel entscheidender waren wohl Einflüsse von (Jugend-)Bewegungen wie den Wandervögeln.



   

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Geschwister Schönfeld, vorne die jüngste Tochter Emilie

 

 

Emilies Abschlusszeugnis vom Herforder Lyzeum 1918 - Religion, Deutsch und Kunstgeschichte: sehr gut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Sonntag, 03. September 2017

 

Die Frau, die viel wusste

Teil 1

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Ein großer und wesentlicher Teil der Museumsarbeit ist öffentlich nicht sichtbar. Er besteht darin, Hinweisen auf historische Quellen nachzugehen oder diese zu erforschen. Eine wichtige Quelle in Bezug auf die Familie Schönfeld sind deren zahlreiche erhaltene Briefe. Insbesondere Emilie Schönfeld, eine in mancherlei Hinsicht außergewöhnliche Frau, hat viel geschrieben. Die Museumsleiterin berichtet.


MICHAEL GIRKE: Derzeit erinnern die Zeitungen an die englische Schriftstellerin Jane Austen, deren 200. Todestag sich jährt. Thema oft: Wie Austen sich als Frau um 1800 selbst verwirklichen konnte. Bei der Lektüre musste ich an ein Mitglied der Familie Schönfeld denken: Emilie Schönfeld, die 120 Jahre später einen ebenfalls recht ungewöhnlichen Weg gegangen ist. Was waren die wichtigen Wegmarken?


SONJA LANGKAFEL: Emilie Schönfeld wurde 1901 geboren. Als jüngstes der vier Kinder Heinrich und Lina Schönfelds. Zunächst, von 1908 bis 1918, ging sie auf die Städtische Töchterschule, das heutige Königin-Mathilden-Gymnasium. Dann Wechsel nach Bielefeld. In einem Lebenslauf gab sie an, dort eine realgymnasiale Studienanstalt besucht zu haben: Die Auguste-Viktoria-Schule (heute das Gymnasium am Waldhof). Das ist ein wichtiger Punkt, denn diese Mädchenschule hatte es bereits vor dem Ersten Weltkrieg geschafft, mit Gymnasien, also Jungenschulen, gleichgestellt zu werden. Heißt: Dort konnten Mädchen Abitur machen, die Hochschulreife erlangen. Worauf Emilie Schönfeld offensichtlich abzielte.
Den Schritt nach Bielefeld hat sie aber nicht allein gemacht, sondern zusammen mit ihrer Großcousine Marie-Luise Schönfeld und ihrer besten Freundin Kara von Borries.

 

MG: Aus der Familie, nach der die Straße neben dem Herforder Kreishaus benannt ist?


SL: Genau, sie war die Tochter des Landrats. Die von Borries wohnten auf der anderen Seite des Stadtgrabens. Und weil es damals noch keine Brücke gab, sind sie im Besuchsfall auch mal durchs Wasser gewatet. In der Fabrikantenfamilie Schönfeld gab es offenkundig einen Zug, sich den von Borries und den von der Schulenburgs zuzuwenden, also den in der Gesellschaftshierarchie höherstehenden Familien - den eigenen Kindern wollte man eine Bildung ermöglich, wie deren Kinder sie genossen.
Emilie lernte dann zwei Jahre lang Hauswirtschaft. Ich habe herausfinden können, dass sie auf der wirtschaftlichen Frauenschule in Löbichau in Thüringen ein sog. Maiden-Jahr absolviert hat. Die Schule wurde vor allen von adeligen Zöglingen besucht.

 

MG: Emilie Schönfeld hat also eine umfassende Bildung angestrebt. Machte sie denn wirklich etwas aus diesem Pfund?

 

SL: Was ihre Ausbildung angeht, steht am Ende eine Doktorarbeit. Was ihre Tätigkeit angeht, so wird sie Kriminalkommissarin. Als ich begonnen habe, mich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen, fand ich diese Tatsache hochspannend. Qua Lektüre der Briefe Emilies an die Familie, vor allem an ihre Schwester Helene, versuchte ich ein Gefühl dafür zu bekommen, warum genau sie das tat, was wohl ihre Beweggründe gewesen sein mochten. War ihr schon beim Anstreben des Abiturs klar, dass sie später studieren will? Oder entsprang der Wunsch nach einem Studium der Freundschaft zu Kara von Borries, die so ganz andere Lebensvorstellungen hatte?


                                                    Wird fortgesetzt



   

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gäste mit und ohne Picknickkorb lauschen dem Bläserkreis der Christuskirche.

 

 

Kinder unter den Zuhörern

 

 

Bei Klängen der Frömmigkeit läßt sich ruhig schlafen.

 

 

 

 

 

 

Samstag, 12. August 2017

 

Frühstück im Grünen

 

Von MICHAEL GIRKE

 

»Das Frühstück im Grünen« lautet der Titel eines berühmten Gemäldes von Manet. Dass es Menschen beim Picknick zeigt, ist keine Banalität, sondern eine festgehaltene Alltagspraxis der Pariser Stadtbevölkerung. Sommers ging es am Wochenende, wenn die Arbeit überstanden war, raus aufs Land, wo Jung und Alt miteinander aßen, redeten, feierten, man Luft aus anderen Sphären atmete.


Ein bisschen so ging es am letzten Samstag im Museum zu. Der Nachmittag begann mit einer Führung der Museumsleiterin durch die Ausstellung »Klang der Frömmigkeit« (siehe Eintrag vom 26.Juli). Manches Erstaunliche über das evangelische Liedgut kam dabei an den Tag. Dass diese Lieder die Aufgabe hatten, denjenigen Luthers diffiziles theologisches Programm nahezubringen, die nicht lesen konnten. Dass die Texte etlicher Lieder dem jeweiligen Anlass oder Bedürfnis der Menschen entsprechend laufend umgedichtet oder fortgeschrieben wurden, so dass diese also nicht einen Autor haben, sondern viele. Nachrichten aus der wilden Zeit des Protestantismus sozusagen, bevor man das Liedgut kanonisierte, ihm den Anstrich der Seriosität verpasste.


Clou des Samstags war freilich, dass draußen am Wall der Bläserkreis der Herforder Christuskirche der überwältigend großen Besucherschar einen musikalischen Gang durch die Jahrhunderte darbot. So kam zu Gehör, wovon die Museumsleiterin gesprochen hatte und zugleich war jeder Ton durch ihre Erläuterungen anders, neu zu vernehmen. Paul Gerhard oder Felix Mendelssohn-Bartholdy etwa, die Gott musikalisch einen guten Mann sein ließen und den verhangenen Himmel wohl von Schlimmeren abhielten. Kinder spielten oder schliefen währenddessen; alte Damen sangen ergriffen mit oder erzählten schnippisch Anekdoten von coolen jungen Männern, die im Aawiesenpark standen und mit ihren Smartphones herauszufinden versuchten, wo denn wohl der Aawiesenpark sei; Fitnessfanatiker durchpflügten wie üblich die Szenerie ohne diesmal weiter nerven zu können. Für ein paar Momente ein Miteinander, oder, mit anderen Worten, Luft aus anderen Sphären.


   

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gewandfibel aus dem 9. Jahrhundert mit zwei Figuren - gefunden während der Grabung an der Clarenstraße

 

Gewandfibel aus dem 9. Jahrhundert - gefunden während der Grabung an der Clarenstraße

 

 

 

 

 

 

Freitag, 04. August 2017

 

Das Alter von Herford

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Michael Girke: In einem Buch las ich neulich vom 900sten Stadtjubiläum Tübingens. Mir ging auf: Herford ist viel älter, wir leben in einer verdammt alten Stadt. Würden Sie dem als Historikerin beipflichten?


Sonja Langkafel: Herford ist sicherlich eine der ältesten Städte Westfalens, weist zudem auch eine der ältesten Ratsordnungen auf. Doch Alter an sich ist für mich kein Wert. Für wichtiger halte ich es, zu erklären, wann eine Stadt entsteht, wie dieser Prozess in Gang kommt. Herford ist ja keine Gründungsstadt, sondern wächst aus verschiedenen Siedlungskernen zusammen.


MG: In Beschreibungen antiker römischer Historiker mutet Germanien an wie eine Art Urwald. Ist das noch so, als man Herford gründet? Warum überhaupt entsteht der Ort?


SL: Vor 20 Jahren gruben Archäologen in Herford und präsentierten ihre Funde im Rathaus. Auf einer ihrer Karten war für dieses Gebiet tatsächlich flächendeckend Wald eingezeichnet, bis auf die Stelle, wo das Damenstift gegründet wurde, jener Landschaftssporn zwischen Aa und Werre. Dieses Gelände war etwas erhöht, also trocken. Herfords Lage an einem wichtigen Verkehrs- und Wirtschaftsweg, gepaart mit der Lage an der Doppelfurt über Aa und Werre – das sind ganz wichtige Punkte, um zu erklären, warum hier eine Stadt entstehen konnte, die dann auch noch expandierte. Dazu muss man auch nach politischen Hintergründen fragen, z.B. warum das karolingische Königshaus irgendwann anfängt, diesen Ort zu fördern.


MG: Kann man das Aussehen Herfords in dieser Gründungsphase rekonstruieren?

 

SL: Unsere Dauerausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Doch enthält jener Raum, in dem erklärt wird, warum die Wallpromenade entstanden ist, eine Vitrine mit Gewandfibeln aus dem 9. Jahrhundert. Diese fand man kürzlich bei archäologischen Grabungen im Bereich der Clarenstraße. Das betone ich, weil man, um ein Bild davon zu bekommen, wie Herforder Häuser in jener Zeit ausgesehen, oder wie und womit die Menschen ihren Lebensunterhalt verdient haben, noch mehr Grabungen in der Stadt durchführen müsste.

 

MG: »Seid Euch bewusst, dass vierzig Jahrhunderte auf Euch herabblicken.« So sprach Napoleon, als er mit seinen Soldaten den Pyramiden gegenüberstand. Worte, in denen ein großes Staunen steckt angesichts einer tausende Jahre alten Hochkultur. Dieses Staunen markiert den Beginn der europäischen Archäologie- und Museumsbewegung im 19.Jahrhundert. Ist es naiv?

 

SL: Ihr Stichwort ist ja Hochkultur. Das Staunen entsteht, weil in einer weit entfernten Zeit schon beeindruckende technische Dinge, Bauwerke wie die Pyramiden möglich waren, von denen wir meinen, so etwas könne man allein mit unseren modernen Maschinen bewältigen. Oder wenn man etwa Messer aus der Jungsteinzeit betrachtet; das waren raffinierte, in ihrer Zeit absolut perfekte Werkzeuge, die den Menschen halfen, in einer sehr feindlichen Umgebung zu überleben.

 

MG: Dass das Alte primitiver war, lautet ja das gängige Vorurteil.

 

SL: Dass das nicht haltbar ist, finde ich heilsam an der Beschäftigung mit alten Zeiten. Es relativiert den weitverbreiteten Glauben, wir stünden an der Spitze des Fortschritts.


   

     


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Richtklotz 2

 

Schnitzbalkenraum in der ehemaligen Dauerausstellung

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 01. August 2017

 

Kindheit im Museum

 

Von MICHAEL GIRKE

 

 

Fragt mich jemand nach meiner ersten Erinnerung an ein Museum, muss ich das von Herford nennen. Wann genau es begann, weiß ich nicht zu sagen, doch als Kind stöberte ich dort oft herum.

 

Für mich waren die Museumsräume Festsäle. Man konnte sich ergötzen am Anblick von Dingen wie diesem Holzblock mit Einbuchtung, von dem mir irgendwie klar war, dass er einmal zu Hinrichtungszwecken gedient hatte. Weil aber der Tod einem Kind fern, und wenn nicht fern, so doch noch nicht Beschwernis ist, empfand ich den Richtblock nicht als schaurig, sondern als eine weitere Bizarrie aus der ohnehin ziemlich eigenartigen Welt der Erwachsenen. Nicht eigenartig, viel mehr angenehm war, dass man beim Museumseintritt zuweilen von einem älteren Herrn freundlich begrüßt wurde, der einen ansonsten aber unbehelligt in seinem Refugium umherschweifen ließ.

 

Warum trieb es mich immer wieder ins Museum? Natürlich, weil es Geheimnisse hatte, es dort zauberischer als im Alltag zuging. Natürlich auch, weil viele der in den zahllosen Sälen sowie dem schummrigen, etwas unheimlichen Kellergeschoss ausgestellten Bilder und Gegenstände dem Gedächtnis unter der Woche wieder entfielen, man das Haus also bei jedem Besuch neu sah. Entscheidend war indes anderes. Im Elternhaus, schon gar in der Schule, wurde man dauernd beobachtet, hatte sich Erwartungen anzupassen, die in Anspruch nahmen, hemmten, einengten. Das Museum hingegen bot die Möglichkeit, sich einen eigenen Pfad zu schlagen. Dort konnte ich ein wenig aus der Reihe tanzen und stieß so zum ersten Mal auf dieses Ineins von Neugier und Innewerden, Sich-Verlieren und Versenkung, das ganz etwas anderes ist als Information oder Wissen - und aus museumspädagogischer Sicht bestimmt Bedenken hervorruft. Aber so findet man ständig Unverhofftes, macht Entdeckungen, kommt zu Einsichten, die es unter Aufsicht oder mit Anleitung nicht gäbe. Ohne das Museum hätte ich diese schöne Geistesfreiheit erst viel später, womöglich gar nicht kennengelernt. Weswegen ein Gefühl der Dankbarkeit mich mit ihm verbindet.

 

     


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausstellungstafel zu Bokelmanns Läutemaschinen

 

Abteilung mit Posaunenengel aus Vlotho

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 26. Juli 2017

 

Glaube Macht Musik

 

Von MICHAEL GIRKE

 

 

Als Kind hat unsereiner darunter gelitten. Das Liedersingen im Gottesdienst war lästig, fad, Sprach- und Denkgestus zu altbacken. Wer hätte gedacht, dass eben diese Lieder einmal Protestsongs waren, zornerfüllt und stolz geschmettert von Menschen, die aufstanden gegen die herrschende Kirche.

 

Solche Dinge konnte man bei der Eröffnung von »Klang der Frömmigkeit« erfahren, einer Wanderausstellung des LWL, die nun Station im Pöppelmannhaus macht. Luther waren Gesang und Geläut wichtig, damit sollten Menschen gepackt, Kardinaltugenden wie Glaube, Liebe und Nächstenliebe in ihren Herzen verankert werden. Was natürlich zu der Frage führt, ob hier nicht eine Kunst hergenommen, zweckentfremdet, ideologisch instrumentalisiert wurde. Ihr weicht die Ausstellung, die einen thematischen Bogen von der Reformationszeit bis in die Gegenwart spannt, ebenso wenig aus wie einem anderen heftig umstrittenen Kapitel: dem der frommen Rockmusik, die sich nach anfänglichen Widerständen inzwischen als Artikulation evangelischer Frömmigkeit etablieren konnte, deren Güte man aber zurecht kritisiert.

 

Doch der Hauptreiz der Ausstellung liegt ohnehin woanders. Nämlich in dem Umstand, dass der Protestantismus sich in Herford und anderen ostwestfälischen Orten früh durchsetzte, es hier deswegen immer eine große musikalische Tradition wie die der Posaunenchöre gab. Auch den Herforder Ingenieur Bokelmann, der den elektrischen Antrieb für Kirchenglocken ersann; keine profane Tat, unfassbare 15.000 Glocken und wer weiß wie viele Gläubige werden weltweit von seinen Läutemaschinen bewegt. Dies und etliches mehr wird anhand zahlreicher Tondokumente und Exponate nachvollziehbar gemacht.         

 

Ob es am schönen Sommerwetter lag oder sich angesichts der anlässlich des 500sten Reformationsjubiläums losgetretenen Lutherlawine eine gewisse Müdigkeit eingestellt hat? Der Andrang bei der Eröffnung war weniger groß, als bei derlei Anlässen im Pöppelmannhaus üblich. Doch die Ausstellung lohnt. Der ostwestfälische Besucher wird eigenen intensiven Erfahrungen wiederbegegnen.      

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 Villa Schönfeld noch mit offener Veranda, um 1880. Mit Fenstern und Tür verschlossen wurde sie bald zum Wintergarten umgebaut.

 

Sitzplatz am „Rosenhügel“ vor dem Gewächshaus, in dem die Kübelpflanzen überwinterten.

 

Blick vom Dach des Gewächshauses in den Garten der Villa, der vom Wall durch eine Mauer getrennt war.

 

 

 

Donnerstag, 20. Juli 2017

 

Garten der Erinnerung

Teil III

 

Von MICHAEL GIRKE

 

 

Ja, Herfords Wall ist wirklich ansehnlich. Und doch, der Schönfeld‘sche Garten (angelegt auf dem Gelände einer ehemaligen gen Bielefeld gerichteten Geschützbatterie), ragt heraus. Das erweist sich, sobald man ihn betritt. Was wir dann schließlich taten.

 

Ein Garten, das war und ist in die Stadt geholte, kultivierte Natur. Ein Miniaturparadies, das nicht bloß angeschaut, das gerochen, geschmeckt, gehört werden will. »An einem Maimorgen in einem blühenden Garten in der Nähe des Brunnens zu sein, während die Vögel in ihrem Latein singen« – das erwartete man im Mittelalter im hortus conclusus zu erleben. Und der Schönfeld’sche Villengarten muss zumindest Züge eines solchen Miniaturparadieses aufgewiesen haben. Er war früher, berichtete Sonja Langkafel, von einem regelrechten Wegenetz durchzogen, wies auch etliche verwunschene Fleckchen auf; und sogar Grotten soll es gegeben haben (wo weiß man heute nicht mehr).

 

Als wir auf dem Weg zurück vom Stadtgraben waren, betrachteten wir weitere historische Fotografien. Man sah darauf, dass es an jener Seite der Villa, wo heute die uralte Platane steht, einmal einen Wintergarten gegeben hat, der Villeninnen und Villenaußen miteinander verband. Spätestens hier wurde klar: Ein Garten zählt zum Hausinnern unbedingt dazu, durchwirkt es, prägt seinen Geist mit.  

 

Vielleicht war das Entscheidende an diesem schönen ersten Sommer-im-Museum-Nachmittag aber gar nicht all die spannende Information zur Haus- und Stadtgeschichte, sondern ganz etwas anderes. Nämlich jene »kleinen«, unspektakulären, aber tief berührenden Momente, in denen etwa ein Lufthauch durch das sanft raschelnde Blattwerk der Bäume fuhr und der Garten der Villa immer noch ganz der Alte war.        

 

     


 

 

 

 

 

 

 

Der Herforder Wall früher, wie er aussah, wenn man ihn von der Villa aus in den Blick nahm.

 

 

Villen mit Vorgärten an „Unter den Linden“

 

 

 

Mittwoch, 19. Juli 2017

 

Garten der Erinnerung

Teil II

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Die Familie Schönfeld besaß offenbar ein Faible fürs Fotografieren, hat gern und viel geknipst. Und weil die Fotografie so eine Art hat, die Zeit anzuhalten, dienen die erhalten gebliebenen Bilder der Schönfelds heute als Brücken ins Gestern. Beispielsweise eines, welches man vergrößert hat und in einem der Museumsräume ausstellt. Es zeigt den Herforder Wall früher, wie er aussah, wenn man ihn von der Villa aus in den Blick nahm.

 

Die Villa Schönfeld liegt nicht nur am Wall, ihre Geschichte ist mit der seinen eng verknüpft. Als man Herfords Stadtmauer, die als Verteidigungsmittel wirkungslos geworden war, nach dem Dreißigjährigen Krieg verfallen ließ, entstand viel freies Gelände. 1764 genehmigte der Preußische König, die Wallstücke zu verkaufen. Gut 100 Jahre später fassten die Stadtverordneten den Plan, den ehemaligen Wachgang in einen prächtigen Promenadenring umzuwandeln. Hier nun kommt Heinrich Schönfelds Familie ins Spiel, denn sie machte es betuchteren Bürgern 1874 – 76 vor, wie man sich am Wall ein stattliches Wohnhaus errichtet. In der Folge entstanden dort etliche wunderhübsche Villen – große Gärten inklusive.

 

Das Ganze hat bis heute seinen Charakter als »Herfords grüne Lunge« bewahrt, prägt auch die städtebauliche Identität der Stadt ganz erheblich.

 

 

 

     

 


 

 

 

 

 

Die 1961/62 grundlegend sanierte Villa steht noch für sich allein. Im Hintergrund oben rechts der Mitte der 1950er Jahre errichtete Kreishausneubau.

 

Das Foto zeigt den Hang des Schönfeldschen Grundstücks am Stadtgraben, wie er um 1925 aussah; ein Weg schlängelte sich auf halber Höhe durch Gebüsch und Bäume.

 

Der moderne Ausstellungsanbau wurde Mitte der 1970er Jahre in den Hang am Stadtgraben gebaut und belegt nun große Teile des alten Villengartens.

 

Dienstag, 18. Juli 2017

 

Garten der Erinnerung

Teil I

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Die frühere Reihe »Samstag im Museum«, in der allerlei Dinge in und Aspekte rund um die Villa Schönfeld der Öffentlichkeit präsentiert wurden, findet nun ihre Fortsetzung als »Sommer im Museum«.

 

Der Titel ist Programm, gutes Wetter fürs Gelingen eine wichtige Voraussetzung. Am ersten Veranstaltungstag ging es nämlich nach draußen, in den Garten der Villa. Zuvor erzählte Museumsleiterin Sonja Langkafel Wissenswertes über den bürgerlichen Menschen des 19. Jahrhunderts, also jene Schicht, der die Herforder Fabrikantenfamile Schönfeld angehört hat. Behaglichkeit, so Langkafel, war eines von deren vorherrschenden Idealen. Und so wollten auch die Schönfelds es in ihrem Garten vor allem behaglich haben. Womit man an eine bereits seit dem Mittelalter existierende Tradition anschloss: die des hortus conclusus, des umfriedeten, verschlossenen Gartens, in dem man sich sicher und geschützt fühlen konnte. Und der überdies, weil er die Sinne betört, eine Alternative zur nervösen Sphäre der Arbeitswelt darstellte.

 

Der heutige Besucher der Villa hat freilich ein Problem. Er muss, um Gestalt und Geist des einstigen Gartens vor Augen zu haben, einiges Heutige gleichsam wegdenken - etwa die in den 1970ern errichtete Kunsthalle mit ihren ja ziemlich beträchtlichen Ausmaßen. Indes wusste die Museumleiterin Mittel und Wege, die Einbildungskraft der Gäste so zu befeuern, dass der alte Garten momentweise wiedererstand.

 

 

 

 

 

 

 


 

     

 


 

 

 

 

 

 

 Heinz Plümer vor dem Schild des preußischen Landratsamtes

 

 

 

Dienstag, 27. Juni 2017

 

Menschen im Museum

Gespräche mit Besucher*innen, Teil 5: Heinz Plümer, 80 Jahre, aus Herford.

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Michael Girke: Sind Sie dem Orte Herford verbunden?

Heinz Plümer: Ja, ich bin im August 1936 an der Bismarckstraße, nahe dem Stiftberg geboren, hier auch zur Schule gegangen. Im Jahre 1951 sind meine Eltern mit mir in die Ahmserstraße umgezogen. Auf der anderen Straßenseite, genau gegenüber, lag die Gaststätte meiner Großeltern Mathilde und Hermann Freitag. Neulich habe ich zwei alte Fotografien von ihnen gefunden und dem Museum zur Verfügung gestellt.

 

MG: Es ist Ihnen also wichtig, dass es in Herford ein Museum gibt?

HP: Nicht nur in Herford, in allen Städten muss es Museen geben. In unserer Stadt könnten es ruhig zwei oder drei sein, je nach Interessenlage gestaltet. Man könnte in den Mittelpunkt stellen, wie Menschen früher gelebt haben oder die Industrie. Oder welche medizinischen Mittel und Einrichtungen vorhanden waren; die Menschen wurden früher ja nicht alt. Das Thema berührt mich besonders, aus diesem Grund habe ich nämlich meine beiden Großväter leider nicht kennenlernen können.

 

MG: Sie sind eben durch neu gestaltete Villa Schönfeld gegangen. Was sind Ihre Eindrücke?

HP: Dass man althergebrachte Dinge, die man in seinem Leben alle nicht persönlich erlebt hat, hier anzuschauen kann. Weil man schließlich wissen will, was da, wo man heute lebt, früher so los war. Es könnte aber ruhig noch ein bisschen ausführlicher sein. Hoffentlich wird hier noch allerhand zusammengetragen.

 

MG: Junge Leute loben häufig, dass Geschichte in der Villa mittels Touchscreens und anderen modernen Medien präsentiert wird. Ist Ihnen das auch wichtig?

HP: Als älterer Bürger habe ich da meine Vorbehalte. Aber ich sehe natürlich, dass man mit Hilfe der Technik viele Dinge auf engstem Raume präsentieren kann.

 

       

     

 


 

 

 

 

Kulturstrolche lassen ein Glas kreisen, und erfahren, dass nicht nur Licht, sondern auch Fingerabdrücke schädliche Spuren auf den Dingen hinterlassen. Deswegen bekommen sie später für ihre Untersuchung der alten Gegenstände Handschuhe.

 

 In Betrachtung versunken vor einem Modell des alten Rathauses auf dem Alten Markt

 

 Kulturstrolche erkunden am zweiten Tag erst den Ort, an dem früher das Damenstift stand. Anschließend beschäftigen sie sich im Museumsdepot mit den Funden, die Archäologen an dem besichtigten Ort ausgegraben haben, und betrachten staunend Porträts der Äbtissinnen und Ansichten der Stadt.

 

Dienstag, 10. April 2017

 

Strolcheinvasion

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Treffpunkt Museumsdepot gegenüber dem Rathaus. Heute werden sogenannte »Kulturstrolche« erwartet, Drittklässler*innen der Grundschule Landesberger Straße. Um solche Besucher sind Herfords Kultureinrichtungen besonders bemüht, inspiriert von dem Gedanken, dass aus kleinen einmal große, über den Verlauf der Zukunft entscheidende Leute werden. Da schadet es gewiss nicht, unsere an Abgründen so reiche Vergangenheit zu kennen.

 

   Nur, dass es »die Kinder« nicht gibt. Jedes ist schon ein ausgemacht eigenes Persönchen, und 25 davon sind eine Herausforderung. Wie die schweifenden Phantasien bremsen, heimholen, für das Lokale faszinieren? Die Museumsleiterin versucht es mit einer kleinen Geschichte des Lichts. Dass dieses nicht nur Segen, sondern auch Fluch ist, demonstriert sie anhand einer Zeitung, die das Tageslicht über die Jahre zu einer falben, rissigen Papierruine gemacht hat. Zum Schutz all der hier gelagerten Dinge müsse das Depot deshalb zumeist dunkel und immer wohltemperiert sein, lautet die von Ahs und Ohs begleitete Lektion. Anschließend erkunden die Strolche das Depot selbstständig: ein Hochrad aus dem 19. Jahrhundert und ein alliierter Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg erregen die meiste Aufmerksamkeit. Die Frage, ob hier irgendwo die Mona Lisa zu finden sei, muss die Museumsleitung leider verneinen.

 

   Der dann gestellten Aufgabe, bestimmte alte Gegenstände näher zu untersuchen und in Kurztexten zu beschreiben, kommt man mit Strolcheeifer nach. Spätestens jetzt erwacht das Depot aus seinem ehernen Schlummer. In allen Ecken gellende Stimmen, ausgelebte Neugier, Dispute. Und niemand vermisst die Mona Lisa. Plötzlich wird auch der Autor dieser Zeilen ins Geschehen verwickelt. Zu gern hätte er weiter berichtet … was die Kinder alles zusammengetragen, sie anderntags bei der Wolderuskapelle erlebt, wie alte Herforder Malereien sie gefesselt haben … doch kommt er nicht dazu … wird ohne Unterlass mit Fragen und Einschätzungen bestürmt … »Warum ist diese Tür so unglaublich hoch?« … »Haben Sie hier einen Säbelzahntiger?« … »Die alte Bombe tickt aber noch, habe ich genau gehört« … Hilfe …           

     

 


 

 

 

 

Collage aus Herforder Notgeld

 

 Blick auf die neue Medienstation zum Thema Inflation

 

 

 

Dienstag, 04. April 2017

 

Wir und das Geld

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Rückblende ins Jahr 1923. Zeit der Hyperinflation, deren Dramatik die Entwicklung des Tauschverhältnisses zwischen Dollar und Reichsmark verdeutlichen mag. Entsprach der Wert eines US-Dollars 1914 noch 4,20 Mark, waren es im Januar 1923 18.000, im Juni 23 dann 350.000 und nur einen Monat später bereits 25 Milliarden Mark. Die deutsche Währung verlor galoppierend an Wert. In der Folge führten Bürger*innen ihr Einkaufsgeld mithin in Schubkarren mit sich, rechneten nunmehr in Bündeln statt Scheinen. »Eine Unsicherheit, eine Furcht vor dem kommenden Morgen«, notierte der Schriftsteller Joseph Roth seinerzeit, »beherrscht alle.«

 

   Wirklich alle? Wie war es damals bei uns in Herford? Eben dies kann man nun anhand eines von Sonja Langkafel zusammen mit Sonja Voss (Museumspädagogin) und Harald Wurm (PC-Spezialist) erarbeiteten Projekts in der Villa Schönfeld erfahren. Eine neue Medienstation, zahlreiche Exponate und überdies ein Internet-Blog (in welchem Schüler*innen ihre Eindrücke und Einschätzungen künftig dokumentieren können) rücken die von der Inflation gezeichnete Epoche (nebst deren - politischen – Ursachen) wieder näher ans Heute. Zu sehen ist etwa originales damals in Herford gedrucktes Notgeld, auch wird der Werdegang der vom Inflationsgeschehen ja massiv betroffenen Familie Schönfeld beleuchtet.

 

   Im höchsten Maße spannend ist das Ganze, zumal, da es den Fokus auf die Regionalgeschichte legt, die uns in besonderer Weise angeht. Mir scheint indes noch anderes wichtig zu sein. Das Team der Villa ist nämlich bestrebt, das Nachdenken über das so alltägliche wie magische wie abgründige Medium Geld zu vermehren. Es verwandelt Abstraktes in Konkretes, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches, ist zum Maßstab unserer Entwicklung geworden, stürzt uns so regelmäßig wie das Amen in der Kirche in tiefste Krisen, aber so recht verstanden haben wir dessen Sein und Schein noch immer nicht. Mit anderen Worten: Unsere Sache wird in der Villa Schönfeld verhandelt. Licht aus Herford.

     

 


 

 

 

 

 

 

Schüler*innen studieren und diskutieren jene Dokumente eingehend, die Auskunft über die Gestaltungsgeschichte der alten und der heutigen Villa geben.

 

 

 

 

Mittwoch, 22. Februar 2017

 

Was ins Auge springt

 

Von MICHAEL GIRKE

 

»Verzeihe, wenn ich nicht glauben möchte/ der Schnee würde genauso fallen, wäre ich/nicht da, um ihn zu sehen.«  John Burnside        

 

Menschen nehmen dasselbe Geschehen, denselben Ort sehr verschieden wahr. Jedermann weiß darum, aber es versetzt dennoch immer wieder ins Erstaunen. So geschehen, als vor einigen Wochen zwei Klassen des Wilhelm-Normann-Berufskollegs die Villa Schönfeld besuchten.

 

Weil alle diese Schüler*innen zu künftigen Innenarchitekt*innen ausgebildet werden, stellte Museumsleiterin Sonja Langkafel die Baugeschichte des Hauses in den Mittelpunkt ihrer Einführung. Als man vor einigen Jahren daranging, die 1876 errichtete Villa denkmalgerecht zu restaurieren, lag keiner der alten Baupläne mehr vor. Also wurden Bauhistoriker beauftragt, das Haus zu untersuchen und möglichst viel vom ursprünglichen Zustand wieder an den Tag zu bringen. Wozu auch die einstige Farbgestaltung von Wänden, Stuck und Verzierungen gehörte. Dieses Thema schlug so richtig an. Bei den anschließenden Erkundungsgängen durchs Museum verbrachten die Schüler*innen die Zeit vor allem damit, jene Dokumente eingehend zu studieren und zu diskutieren, die Auskunft über die Gestaltungsgeschichte der alten und der heutigen Villa geben. Der Eifer ging sogar soweit, dass manche Schüler*innen Räume auszumachen meinten, die keines der Dokumente erwähnt (ein Mysterium, das die Museumsleiterin aufklären konnte).

 

Dass die stadtgeschichtlichen Exponate diesmal keine große Beachtung fanden, war zu verschmerzen, weil die Villa Schönfeld, dies das erfreuliche Fazit, auch Besucher*innen mit sehr spezieller Interessenlage und Perspektive einiges zu bieten hat.  

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 21. Dezember 2016

 

Tür an Tür mit der Vergangenheit

Ein Gespräch mit der Museumspädagogin Sonja Voss.

 

Von MICHAEL GIRKE

 

MICHAEL GIRKE: Für die Villa Schönfeld arbeiten Sie gerade an einem Projekt über die katastrophale Inflationszeit am Beginn der 1920er-Jahre. Die Arbeit einer Museumspädagogin stelle ich mir als eine Art Übersetzen vor: reale historische Ereignisse werden heutigen Besuchern mit ihrem ganz anderen Weltbild vorstellbar gemacht. Worauf ist dabei besonders zu achten? 

 

SONJA VOSS: Darauf, dass bei aller Erklärung und der dafür oft notwendigen Generalisierung nicht das Besondere des historischen Moments verloren geht.

 

Unterscheiden sich die Inflation und vor allem die eigentümliche Form des Geldes von anderen Themen? Wenn ja, worin besteht die besondere Herausforderung?

 

Bei jedem Vermittlungsprogramm geht es darum, das dem jeweiligen Thema Eigentümliche für die Besucher verständlich zu machen. Die Frage ist immer: Welche Wege durch die Ausstellung, welche Ansprache und welche Aktionsmöglichkeiten passen für welche Zielgruppe? Vom Mediaguide für Einzelbesucher über Schulklassenprogramm bis hin zu Kunsthandwerkkursen sind die Möglichkeiten der Vermittlung vielfältig.

Für das Themengebiet Inflation und Geldwirtschaft gilt, dass die Anbindung an den Alltag der Besucher leichter gelingt als zum Beispiel bei der Erläuterung frühneuzeitlicher Gesindeordnungen oder mittelalterlicher Hofkultur. Die Herausforderung besteht bei diesem konkreten Projekt vor allem darin, einen Weg zu finden, Schülern der 7. und 8. Klassen ein Nachdenken über den Umgang mit Geld und gleichzeitig die Ausstellung schmackhaft zu machen!

 

Versucht man als Museumspädagogin historische Themen möglichst eingängig und unterhaltsam aufzubereiten anzupassen, oder kann ein Angebot, wenn ein Thema es verlangt, auch Anforderungen ans Publikum stellen?    

 

Ein gutes Programm sollte den Museumsbesucher fesseln, neugierig machen und im Idealfall auch zu einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema und Interesse an weiteren Ausstellungen führen. Also auf jeden Fall Anforderungen stellen… Das funktioniert nur, wenn man in der Planung und in der konkreten Vermittlungssituation das nötige Umfeld für (Lern-) Erfahrungen berücksichtigt und ermöglicht. Dazu gehört es, Wege und Vermittlungsmethoden zu finden, die unterhalten, eigene Erfahrungen und Entdeckungen ermöglichen und trotzdem Anleitung bieten.

 

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 02. Dezember 2016

 

Menschen im Museum

Gespräche mit Besucher*innen; Teil 4: Sarah Heitkemper (32) aus Herford. 

 

Von MICHAEL GIRKE

 

MICHAEL GIRKE: Sie stehen dem Herforder Kunstverein vor, der im Oesterlen-Bau neben der Villa Schönfeld sein Domizil hat. Haben Sie noch Erinnerungen an jene Zeit, als die Villa leer stand?

Sarah Heitkemper: Ich war sehr traurig, als das Museum damals aufgelöst wurde und lange unklar war: wie geht’s weiter. Auch bot das Gebäude einen unschönen Anblick. Und so hat es mich gefreut, dass es nach Jahren doch weiterging. Wenn nur ein Teil des Pöppelmannhauses aktiv ist, fehlt der andere. Jetzt sind wir in einer schönen Symbiose.

 

Verfolgen Sie die Entwicklungen im nachbarlichen Museum genau mit?

Genau nicht, aber wenn etwas Neues ausgestellt wird oder Exponate hinzukommen, schaue ich mir das an. Ich finde spannend, was sich dort aktuell mit den neuen Medien entwickelt, etwa an dem hölzernen Stadtmodell. Fragen mich Kunstvereinsbesucher nach dem Museum, empfehle ich ihnen jedes Mal rüberzugehen, weil sich gerade wieder etwas getan hat.

 

Mit der Bitte um eine ehrliche Antwort: Welche Dinge im neueingerichteten Museum stechen Ihnen als Kunstsachverständige positiv oder negativ ins Auge?

Besonders schön ist die große Halle, die quasi wiederaufgelebt ist mit dem Parkettboden … man tritt dort ein und empfindet sofort so ein Wow-Gefühl. Andererseits fehlt mir persönlich schon sehr das das Skelett, an das ich intensive Kindheitserinnerungen habe. Es war früher im Erdgeschoss, in eindrücklich dunkler Atmosphäre ausgestellt. Klar, etwas in dieser Art macht man heutzutage nicht mehr, aber man könnte doch wenigstens einen Hinweis bezüglich des Skeletts anbringen. Was drüber hinaus schön wäre, sind Wechselausstellungen; die Stadtgeschichte hat ja einiges zu bieten, und man hätte einen Grund, regelmäßig ins Museum zu gehen.  

 

Wie wichtig ist es, dass in diesem Museum die Geschichte Herfords Gegenstand ist?

Als das Museum leer stand, hat richtiggehend ein Anlaufpunkt für die Herforder Geschichte gefehlt. Gerade Schulklassen oder auch Menschen, die hergezogen sind, können sich im Museum darüber informieren, vielleicht sogar eine Identität mit der Stadt ausprägen. Kann man Geschichte nämlich optisch wahrnehmen, ist das ganz etwas anderes, als wenn man ein Buch oder eine Broschüre läse.

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 7. November 2016

 

Menschen im Museum

Gespräche mit Besucher*innen; Teil 3: Marina Stukanova (18) aus Herford & Melisa Cinar (17) aus Bielefeld.

 

Von MICHAEL GIRKE

Michael Girke: Was waren vorhin Eure ersten Eindrücke vom Museum?

Marina Stukanova: Ich komme recht oft am Haus vorbei und interessiere mich dafür, wer hier früher gewohnt hat. Was über die Personen preisgegeben wird, die in der Villa lebten, war informativ.

Melisa Cinar: Ich möchte etwas über den Stil der Inneneinrichtung und die Dekoration sagen. Beides ist an früher angelehnt, sieht aber nicht altmodisch, sondern auch in modernen Zeiten noch gut aus.

 

Gibt es etwas, das besonders ins Auge fällt?

Marina Stukanova: Mir gefällt das Gebäude an sich. Ich mag alte Bauten mit Garten sehr. Besonders gut finden wir natürlich den Medientisch. Das ist viel besser, als wenn hier ein Buch liegen würde und wir uns das durchlesen müssten. An bestimmten Ausstellungsgegenständen gehe ich aber relativ schnell vorbei.  Und die Farbgestaltung in manchen Räumen, sie wirkt … wie haben wir das eben genannt …

Melisa Cinar: … farblos, etwas fade, vor allem im ehemaligen Arbeitsraum war das so.

 

War es denn für Euch wichtig, dass etwas über Herford erzählt wude?

Melisa Cinar: Da ich aus Bielefeld komme, war es schon spannend etwas über Herford zu erfahren. So etwas hört man nicht jeden Tag.

Marina Stukanova: Genau. Wenn ich das nächste Mal mit meiner Mama oder meinen Geschwistern hier lang komme, kann ich ihnen etwas über den Ort erzählen, wie er früher ausgeschaut hat.


 

 

     

 


 

 

Luca Marie Honvehlmann aus Heringhausen.

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 25. Oktober 2016

 

Menschen im Museum

Gespräche mit Besucher*innen; Teil 2: Luca Marie Honvehlmann (16) aus Heringhausen.

 

Von MICHAEL GIRKE

Würdest Du dies Museum auch besuchen, wenn es kein Pflichttermin der Schule wäre?

Ich wüsste ohne die Schule nicht, dass hier ein Museum ist, dachte, es wäre eine der vielen Villen am Wall.

 

Gefällt Dir etwas?

Die Bauweise des Hauses ist schön. Ich mag auch die alten Fotos, die zeigen, wie es früher ausgesehen hat. Von den Farben her ist es sehr warm gestaltet, beispielsweise die hellen Brauntöne in der Eingangshalle. Es wirkt nicht steril, sondern gemütlich,  man fühlt sich nicht fremd. Im Herrenzimmer würde ich aber die Wandfarbe ändern. Als gestaltungstechnische Assistentin lerne ich, wie Farben wirken, und diese Mischung aus Dunkel- und Mintgrün könnte ich zuhause nicht streichen. Eigentlich hatte ich eine normale alte Villa erwartet, nicht die Ausstellung, die gezeigt wird. Ich finde gut, dass die einzelnen Räume verschieden aufgebaut sind, in jedem ein anderes Thema ausgestellt wird. Es ist sehr übersichtlich.

 

Dass hier auch die Stadtgeschichte Herfords gezeigt wird, ist für Dich ein wichtiger Punkt?

Meine Eltern kommen aus dem Münsterland nahe Holland, und da fühle ich mich mehr zuhause. Herford finde ich keine schöne Stadt, würde nicht herziehen. Es gibt schon schöne Gebäude wie das Marta-Museum, aber es fehlt das gewisse Etwas. Der Ort ist auf ältere Menschen zugeschnitten und für Mädchen und Jungen meines Alters eher langweilig.

 

Neulich erzählte mir ein Schüler, in seiner Klasse würden sich Mädchen und Jungen auf ganz unterschiedliche Weise für so etwas wie ein Museum interessieren. Stimmt das?

Würde ich schon sagen. Die Jungen setzten sich oft hin und sagen: Hab‘ keinen Bock mehr! Viele Mädchen aus unserem Jahrgang sind viel neugieriger, wollen mehr neue Sachen erfahren.  


 

 

     

 


 

 

 

 

Der Linnebauerplatz im Herbst; im Sommer spielen hier viele Kinder.

 

 

 

 

 

 Neue Innenstadtbebauung zwischen Renn- und Clarenstraße

 

 

 

 

Die neuen Gebäude zwischen Renn- und Clarenstraße orientieren sich an der Größe der historischen Bebauung
 

 

 

 

Dienstag, 11. Oktober 2016

 

Geschichtsvergessenheit moderner Architektur

 

Von SONJA LANGKAFEL

Am 6. Oktober war Michael Girke nicht im Museum, um „von hinter den Mauern der Villa Schönfeld zu berichten“, sondern trat selbst als Akteur in Erscheinung. Auf Einladung des Herforder Vereins für Geschichte sprach er über "Architektur als Gedächtnis - Wie der Schriftsteller Hans Wollschläger es in Herford und anderswo erlebte". Ausgangspunkt für seinen Vortrag war die Frage: Was ist dran an Wollschlägers vernichtendem Urteil über die städtebauliche Entwicklung Herfords nach 1945 und anderswo? Dieses richtete sich - referierte Girke - zunächst gegen eine Abrissmentalität, die historisch gewachsene Stadtarchitektur vernichtete, so wie die Deutschen lange Zeit ihre NS-Vergangenheit tilgen wollten. Bamberg war damals für Wollschläger das geschätzte Gegenbeispiel: „eine in 1000 Jahren gewachsene Gesamtschönheit“, wie der Vortragende den Schriftsteller, der sich die oberfränkische Bistumsstadt 1957 als Wohnsitz aussuchte, zitiert. Einige Zeit später musste der entschieden der modernen Literatur anhängende Schriftsteller aber auch in Bamberg zur Kenntnis nehmen, dass eine „Allerweltsphysiognomie“ von Teilen der Stadt Besitz ergriff. Als Ursachen konstatierte er Geschichtsvergessenheit, gepaart mit „Krämergeist“.
 
Wollschlägers Beurteilung des Konflikts zwischen traditioneller und moderner Ästhetik, der hinter seiner Kritik auszumachen ist, wird heute vielfach geteilt, wie Girke anhand zahlreicher Zitate aus Feuilleton-Beiträgen der letzten Jahre - u.a. von Dieter Bartetzko - belegte. Ob sie auf Herford tatsächlich zutrifft, beantwortete Girke in seinem Vortrag nicht; er leitete die Frage an das Publikum und die HistorikerInnen weiter. Die sich dem Vortrag anschließende Diskussion griff viele Kritikpunkte Wollschlägers auf: Der Bau der Berliner Straße wurde als „Verbrechen“ und „kriminell“ abgeurteilt. Beklagt wurden die fehlenden Instrumente, die der Stadtverwaltung und/oder engagierten BürgerInnen dienen könnten, HauseigentümerInnen daran zu hindern, ihre historischen Gebäude, ihre Baudenkmäler, aus Spekulationsgründen verfallen zu lassen. Die Kritik überwog und es gab keine schlüssige Antwort auf die Frage, wie widerstreitende Interessen zum Ausgleich geführt bzw. Gewinnstreben in die Schranken gewiesen werden könnten. Dennoch hielten einige der Anwesenden den KritikerInnen positive Beispiele entgegen: den modern gestalteten Linnenbauerplatz, der gekonnt den historischen Bezug zur ehemaligen Bowerre herstellt, und die durch Bürgerproteste erreichte Maßstäblichkeit der neuen Innenstadtbebauung zwischen Renn- und Clarenstraße.
 
     


 

 

 

 

Malte Moritz am Medientisch in der zentralen Halle

 

 

 

Malte Moritz am Stadtmodell, zu dem er eine Fülle von Informationen auf Touch-Bildschirmen wählen konnte.

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 14. September 2016

 

Menschen im Museum

 

Gespräche mit Besucher*innen; Teil 1: Malte Moritz (14) aus Herford

 

Michael Girke: Ist dies Dein erster Besuch in der Villa?

Malte Moritz: Ich interessiere ich mich für Kunst, bin häufiger in Museen. Hier habe ich schon Kunstausstellungen besucht, auch die zu John Lennon, also eine zu Musik. In dem Bereich, wo mehr über die Villa Schönfeld erzählt wird, bin ich zum ersten Mal.

 

Findest Du den stadtgeschichtlichen Teil spannend?

 

Ja, zunächst, dass aus so einer normalen Villa ein Museum gestaltet wurde, in dem man so viele verschiedene Themen behandelt. Und, dass es sich so verwandelt hat. Es gibt ein Foto, wo man den Rohbau sehen kann, ein einfacher Klotz. Hier wird einem erklärt, wie aus diesem Klotz dann diese wunderschöne Villa wurde. Ganz besonders gefällt mir dieser Medientisch. So etwas spricht die jüngere Generation natürlich an. Aber ich habe auch paar ältere Leute gesehen, die voller Faszination davor standen.

 

Was genau ist das Anziehende?

 

Die Verbindung. Dass in einem alten Haus, mit alten Gegenständen etwas derart mediales zu finden ist. Gut gemacht ist, dass die Personen alle vernetzt sind. Tippt man auf ein Bild, erscheinen gleich die Verbindungen zu verschiedenen Personen. In manchen Museen, in denen ich war, konnte man nur besonders schöne Sachen sehen, die anderen standen irgendwo in der Ecke. Hier findet man viele Kleinigkeiten: eine Gabel, ein Kinderrassel. Ich finde, dass man auch mal die kleinen Dinge beachten muss.

 

Ist es wichtig, dass Du hier der Geschichte Deiner Stadt begegnest?

 

Ein Herforder Museum muss nicht unbedingt von Herford handeln, finde ich, es ist aber schön, dass man hier noch einiges mehr über Herford erfahren kann. Im Geschichtsunterricht in der Schule geht es eher darum, was in Deutschland und nicht, was in Herford passierte. Zum Beispiel war es komplett neu für mich, dass es in Herford mal eine Spinnerei gab.

     


 

 

 

 

Im ersten Raum der neuen stadtgeschichtlichen Dauerausstellung in der Villa Schönfeld wird die Firmengründung F.L. Schönfelds dargestellt.

 

 

 

In der Ausstellung werden auch archäologische Überreste sowie historische Pläne der eingerichteten Fabrik von Schönfeld gezeigt.

 

 

 

 

Die Gründe für die Leinenkrise, die Schönfeld zur Gründung der Fabrik veranlasste, wird im ersten Ausstellungsraum erklärt. Zusätzlich werden weitere Reaktionen auf die Krise, die sich vom Handeln Schönfelds unterschieden, aufgezeigt.

 

 

 

 

 

Sonntag, 28. August 2016

 

Wann ist man bedeutend?

 

Von MICHAEL GIRKE

 

MICHAEL GIRKE: Friedrich Ludwig Schönfeld (1791-1865) war ein Herforder Unternehmer. Er lernte in England die dort boomende Leinenindustrie kennen und kam auf ein eigenes Geschäftsmodell, mit dem er hier erfolgreich war. Was war es?

 

SONJA LANGKAFEL: Schönfeld war bis 1815 in England. Bevor er 1834 sein Herforder Unternehmen gründete, probierte er einiges aus, war Leinenhändler, Seifenfabrikant und Mühlenbetreiber im Kalletal. Er sah aber die Krise, in der das hiesige Garn- und Textilgewerbe in den 1820er-Jahren steckte und reagierte darauf. Dabei erinnerte er sich zweifelsohne an seine Englanderfahrungen. Ihm war klar: Beim Herstellen von feinen Garnen konnte man gegen die britische Konkurrenz nicht bestehen. Doch das Material für grobe Garne, das die Engländer anderswo einkaufen und aufwendig auf die Insel schaffen mussten, war hier ein Abfallprodukt der Handspinner, die Produktionskosten also niedriger. Schönfeld spezialisierte sich darauf, grobe Garne herzustellen.  Und: Als einer der ersten in der Region verabschiedete er sich von der Handarbeit und setzte auf die Produktion in der Fabrik.

 

 

Leistungen in Wissenschaft, Politik, Kunst achten wir weit mehr als welche in der Ökonomie, Thomas Mann steht höher als Carl Benz. Würden Sie F.L. Schönfelds Geschäftsmodell wirklich als historisch bedeutsam einstufen?

 

SONJA LANGKAFEL: Mich interessiert die Industrialisierung in Herford. Ein Transformationsprozess, der sich ja auch im Sozialen, Politischen, Kulturellen manifestiert. Und F. L. Schönfeld, der ein Unternehmen zu einer Zeit gründete, als in Herford noch niemand daran dachte, ist diesbezüglich ein Pionier. Er war auch Magistratsmitglied sowie Abgeordneter in der Bielefelder Handelskammer und dadurch für die Stadtgeschichte wichtig. Mich beeindruckt, dass er weit über die Tellerränder von Lippe oder Herford hinausdachte und seine Ideen durch viele Schwierigkeiten hindurch stringent verfolgte.

Fragwürdig finde ich, dass man das eine bedeutender als das andere gewichtet. Wer etwas mit nachhaltigem Effekt initiiert hat, ist von Bedeutung. Aber ebenso auch derjenige, der ermöglicht, dass man durch die Beschäftigung mit ihm Erkenntnisse über Herfords Geschichte gewinnt. Das betrifft die »kleinen Leute« genauso wie die Schönfelds. Diese Familie interessiert mich als Historikerin, weil es eine Fülle von Material über sie gibt. Damit kann man gut arbeiten, es erlaubt, unsere Stadt in den Blick zu kriegen.

 

 


 

 

     


 

 

 

 

Mühle 1912

 

 

 

 

 

Friedrich Ludwig Schönfeld

 

 

 

 

 

Balken

 

 

 

 

 

Literatur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Donnerstag, 11. August 2016

 

Reise in die Vergangenheit

 

in drei Abschnitten

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Abschnitt 1

Kalletal, östliches Ostwestfalen. Die Landschaft überwältigt nicht wie die Hochalpen mit starrem Pomp, sondern streichelt den Blick mit halbhohen, gar lieblichen Hügeln. Destination Langenholzhausen. Aus diesem Örtchen, das so klein und unbekannt ist, dass heutige Städtebewohner es wohl ein Nest nennen würden, kommt die Familie Schönfeld, die in Herfords Geschichte ihre Spuren hinterließ und deren Namen heute das städtische Museum trägt.

   Was dessen Leiterin Sonja Langkafel hintreibt, sind Rätsel, die die Familiengeschichte der Schönfelds noch aufgibt. Eines trägt den Namen Amalie Charlotte Bauer. Sie soll Gattin des Herforder Industriellen Friedrich Ludwig Schönfeld (1791–1865) gewesen sein, wird in Unterlagen aber bloß einmal und dann nie wieder erwähnt. Hat es diese Frau wirklich gegeben? Und dann ist da die Frage, warum eigentlich Friedrich Ludwig Schönfeld, der doch einige Jahre in England, damals kulturell wie ökonomisch ein Weltzentrum, gelebt und gearbeitet hatte, von dort ausgerechnet ins Kalletal ging? Was an diesem »Nest« hat ihn angezogen?

   Wir sind mit Rainer Laue verabredet. Das alte Fachwerkhaus, in dem F.L. Schönfeld seit 1817 eine Mühle betrieb (bevor er dann in Herford seine Spinnerei gründete), beherbergt heute Laues Tischlerei. Im Büro kann man eine historische Fotografie des Gebäudes samt seiner ehemaligen Bewohner sehen. Laue hat mithilfe von Detailvergrößerungen und geduldigem Blättern in Gemeindeakten herausgefunden: gemacht wurde es im Juni des Jahres 1912. Wer es so genau wissen will, dürfte ein Faible für Geschichte besitzen. Und tatsächlich: In Langenholzhausen, einem Ort ohne eigenes Heimatmuseum, ist Laue der Chronist dieser Landschaft. Wer etwas darüber wissen will, muss ihn fragen.

 

 

Abschnitt 2

Rainer Laue führt uns durch sein Reich. Sein Vater erwarb das jahrhundertealte Gebäude in den 1970ern, dann wurde es mit dem Segen des Denkmalamtes drastisch umgebaut. Zu drastisch, meint Laue, mehr von der alten Substanz zu erhalten, wäre möglich und schön gewesen. Das Haus entpuppt sich als Labyrinth. Zahlreiche durch lange, schmale Korridore verbundene Werkstatträume und im Keller ein Denkmal im Denkmal: ein uraltes, in der Barockzeit oder noch eher entstandenes Gewölbe, das Spuren von damals darin gelagertem Gütern aufweist. Eine weitere Attraktion ist die 1948 eingebaute Wasserpumpe mit Turbine, die Strom für den eigenen und sogar noch den Bedarf anderer erzeugt.

   Herford ist ein heikles Thema in diesem Haus. Unsere Stadtwerke beziehen das Wasser nämlich von hier. Steigt bei uns der Verbrauch, sinkt hier der Pegel und somit die Strommenge. Dass Laue uns errötenden Herfordern dennoch weiterhin Auskunft erteilt, macht froh. Auch wir in Arkadien!

   Nur ist die Kalle, die neben und unter dem ehrwürdigen Fachwerk so selig plätschert, ganz und gar künstlich. Als den Langenholzhausern vor vielen hundert Jahren die Standorte ihrer Mühlen nicht mehr passten, berichtet Laue, setzten sie diese kurzerhand um, legten auch das Flussbett neu an. Beeindruckende Ingenieursleistungen und dieselben Energien, Leidenschaften, Wünsche, Techniken, dieselbe Jagd nach dem Geld wie überall. Ob wir Kalletal nicht allzu sehr von oben herab betrachten, ob es im alten Deutschland nicht ein Ort wie die allermeisten war – und Friedrich Ludwig Schönfelds Entscheidung, aus dem brodelnden England dorthin zugehen, gar nichts Besonderes? Und sammelt die Geschichte nicht auch an Orten wie Langenholzhausen die Menschen ein und füllt ihre Seiten mit ihnen? Ich frage ja nur.

 

 

Abschnitt 3

Seit vielen Jahren schon sammelt Rainer Laue Historisches. Zu seinen Schätzen zählen Fotografien, die Gustav Schnülle in den 1920ern und 30ern machte. Er war Friseur, entdeckte irgendwann seine Kamerapassion und ging schließlich gezielt daran, Menschen, Plätze, Wege, Häuser seines Heimatortes Langenholzhausen festzuhalten. Fotos erzählen Geschichte sinnlicher, direkter als Worte es vermögen. Menschen, die längst in ihren Gräbern liegen, Häuser, die man abriss, zeigen sich auf ihnen, zeigen, wie sie wirklich aussahen, dass es sie gab. Laue ging früher zu betagten Dorfbewohnern und fand mit ihrer Hilfe die Namen vieler heraus, die man auf Schnülles Fotos sieht. Kleine große Siege bei dem Versuch, dem Verschwinden in Langenholzhausen und überall entgegenzuwirken.

   Zurück zur Familie Schönfeld. Kann Rainer Laue den Schleier lüften, weiß er, wer jene Amalie Charlotte Bauer gewesen ist? Nein, kann selbst er nicht, jedenfalls nicht im Moment. Ein paar Tage später läutet das Telefon der Museumsleiterin. Laue ist dran, er hat in seinen gesammelten Aufzeichnungen geforscht und herausgefunden: Am 14.4.1822 hat Friedrich Ludwig Schönfeld doch tatsächlich jene Amalie Charlotte Bauer, deren Familie aus Vlotho stammte, geehelicht. Die junge Frau starb aber schon kurz darauf an »Entzündung«. Ein weiteres Teilchen, das dem Schönfeldschen Familiengeschichtspuzzle hinzugefügt werden kann.

   Unbedingt erwähnt werden muss noch Wilhelm Süvern. Ein Langenholzhauser Lehrer, der, es ist viele Jahre her, eine Geschichte der dortigen Kirche, eine der Schule, überdies seine Memoiren verfasst und die Bücher in Kleinstauflagen für Angehörige und Freunde gedruckt hat. Laue besitzt, erwähnt er nicht ohne Stolz, Kopien von einigen dieser Schriften. Gänsehaut bei Sonja Langkafel, Zeichen der unstillbaren Neugier, die Deformation Professionelle der HistorikerInnen ist. Dass Laue dem Museum daraufhin einige der Bände zum Geschenk macht, spricht für seine Generosität. Mögen sie die Einsichten in das Damals der Schönfelds mehren helfen. Reisen, wussten schon die Alten, ist Wissen.

 

 


 

 

     

 


 

 

Bürgermeister Tim Kähler

 

Besucher und Besucherinnen erkunden die neue Dauerausstellung

 

Theateraufführung in den Ausstellungsräumen

 

Am Stadtmodell

 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 28. April 2016

 

Glanz in den Gesichtern

Impressionen von der Wiedereröffnung der Villa Schönfeld am letzten Sonntag

 

Von MICHAEL GIRKE

 

Die Herforder warten ihrem Museum mit zahlreichem Erscheinen auf. Gerappelt voll der gläserne Gang zwischen Osterlen-Bau und Villa Schönfeld, eine neue Attraktion, die frisch fertiggestellte stadtgeschichtliche Dauerausstellung, will in Augenschein genommen werden. Doch zunächst, wie bei feierlichen Anlässen dieser Art üblich, Reden von Bürgermeister Tim Kähler, Dr. Silke Eilers, der Vertreterin des fördernden LWL, und Museumsleiterin Sonja Langkafel. Rites des Passages, die die Besucher sagen wir: überstehen, aber die eh schon vibrierende Neugier noch einmal enorm steigern.  

 

Dann endlich ist es soweit. Sturm auf die Ausstellung. Ob das Publikum das so aufwendig Erarbeitete wirklich annimmt? Falls dahingehende Sorgen bestanden, erweisen sie sich als unnötig. Die notorische ostwestfälische Zurückhaltung ist nicht auszumachen, im Gegenteil, überall beredte Faszination angesichts all dessen, was die Räume zu sehen und zu denken geben. Eine angenehm entspannte Atmosphäre stellt sich ein, verweht alles Staatstragend-Steife.

 

Geld regnet. Leider nur als dramaturgisches Element einer zur Eröffnung dargebotenen Theateraufführung. Die Intendantin Karin Wedeking und ihr Laienensemble haben Szenen erarbeitet, die sich an einige der Themen in der Villa-Schönfeld-Ausstellung anlehnen. Erinnerungen an einstmals schöne Kindertage, bedrückende Inflationsphasen in den 1920er-Jahren, Jahrhunderte der Sklaverei, den Kult um die Swing Musik. Das Bestürzende neben dem Schönen, das Schlagerglück neben dem Todernsten. Ganz andere Tonlagen als sie Festrednern möglich sind, kommen zum Ausdruck, was ganz wunderbar funktioniert und Anteilnahme, mithin Glanz in die Besuchergesichter zaubert.

 

Der Eintritt in die Villa, verkündet die Museumsleitung ihre kulturpolitische Haltung, wird zukünftig frei sein. Wer will, kann als Besucher einen von ihm selbst festgelegten Obolus entrichten. Muss er, wie gesagt, aber nicht, wird auch nicht genötigt. Sollte es tatsächlich noch Hindernisse gegeben haben, weswegen Herforder ihre eigene Geschichte zu erkunden scheuen, sie dürften damit beseitigt sein.      

 

Einige wenige applaudieren, als Sonja Langkafel zu Beginn ankündigt, nur kurz zu sprechen - und kommentieren auf diese Weise die vorhergegangenen Reden. Warum so ungeduldig? Schließlich hatten diese Reden doch Ideen, Konzepte, die man ansonsten nur in geschlossenen Spezialistenzirkeln diskutiert, mit den Besuchern geteilt (welcher Besucher hat schon genau im Blick, wovon unter anderem die Rede war: wie sehr und warum sich die Institution Museum, also die Darstellung unser aller Geschichte, sich in den letzten Jahren verändert hat). Danach spricht die Villa-Schönfeld-Ausstellung selbst, auf ihre faszinierende und einnehmende Weise. Aber sie spricht gemeinhin zu Einzelnen, zu kleineren Gruppen, nicht zu den versammelten Bürgern.

 

Ich unterhalte mich mit einer Besucherin über ihre Eindrücke. Sie, die offenkundig vom Fach ist, zeigt sich sehr angetan, weil die Villa-Schönfeld- Ausstellung auch klar mache, dass sie nicht anstrebt, das letzte Wort in Sachen Stadtgeschichte zu sein. Dies zeige sich insbesondere in jenem Raum, dessen Thema das Museumsdepot ist. Die zahllosen dort gelagerten Exponate könnten ja jederzeit an die Stelle der jetzt ausgestellten treten, ermöglichen es also, die Herforder Vergangenheit immer wieder anders zu spiegeln. Das von der Besucherin Geäußerte deckt sich mit dem, was die Museumsleiterin eingangs erklärt hatte: Ausstellungsanregungen von Seiten der Herforder Bevölkerung seien ausdrücklich erwünscht. Ein Roman, sagt der Schriftsteller Joseph Brodsky, ist kein Monolog, sondern eine Unterhaltung zwischen Autor und Leser. Eine solche Unterhaltung, zeigt sich in Herford, ist auch das Museum.

 


 

 

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 20. April 2016

 

Der rätselhafte Charakter der Zeit

Von MICHAEL GIRKE

 

Eine Attraktion bei der Wiedereröffnung des Museums werden die im Oesterlen-Bau ausgestellten Fotokunstwerke von Ingrid Zimmermann sein. Was heißt Attraktion? Ihre Bilder sind nicht grell, nicht aufdringlich, sondern feinsinnig und, wenn dies Wort denn zu visuellen Werken überhaupt passt, leise.

Zimmermann hat 2002 mit ihrer Spiegelreflexkamera die Villa Schönfeld ins Visier genommen. Aber keine Gesamtansichten festgehalten, vielmehr Witterungsspuren, Rost, Risse in Fensterrahmen, bröckelndes Mauerwerk. Die Bilder sind nicht auf platten Naturalismus aus, sie lassen Spielraum, der Besucher kann eigene Assoziationen, Empfindungen, Sichtweisen einbringen in den Akt der Betrachtung.

Mithin wirken diese Fotografien selbst hinfällig. Gezeichnet vom Zahn der Zeit. Der Eindruck täuscht aber. Jedes Bild ist aufwendig gearbeitet, die Fotoemulsion beispielsweise auf Aquarellpapier aufgetragen worden. Der Effekt unterstützt das, was Zimmermann immer wieder fasziniert einfängt: das Altern, Verfallen, Verrotten der den Menschen umgebenden Dinge, die etwas erzählen über die vergehende Zeit. Reales, das die Kunst braucht, damit es an den Tag kommt.

»Photos muss man sehr langsam lesen und ausführlich studieren, denn sie vergegenwärtigen nicht nur den Augenblick, den das Silbersalz einfängt.« Ein Satz von Aldo Zargani, den Ingrid Zimmermann zitiert. Ihre Fotogespinste kann man als Dokumente ansehen, ihre volle Wirkung entfalten sie indes, wenn man sich ihrem Oszillieren zwischen Konkretem und Allgemeinem überlässt, driftet, schweift, sinnt, dem immer noch und immer wieder rätselhaften Charakter der erlittenen, betrauerten, verklärten, mit Heimweh zurückbegehrten Zeit auf der Spur. 

 

 

 

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 19. April 2016

 

Wie man Herford zum Leuchten bringt

Von MICHAEL GIRKE

 

Herfords Gewässer leuchten, in sattem Blau, der Farbe der Sehnsucht und des Himmels. Das profane Wunder stellt sich auf Knopfdruck ein.

Gespräch mit Harald Wurm, dem PC-Spezialisten im Villa-Schönfeld-Team. Er arbeitet, sagt er, gern für Museen, deren Leiter offen für Neues sind. Doch dürfe die Technik nie zum Selbstzweck werden. Ein rein virtuelles Museum, das man vom Heimcomputer aus besuchen kann, lehnt er ab. Weil man so mit den historischen Originalgegenständen nicht mehr in direkte Berührung komme.

Wir stehen neben einem alten Holzmodell, das zeigt, wie Herford um 1650 aussah. Die Computertechnologie, die Wurm gerade installiert, gestattet dem Publikum künftig auf umfassendere Weise als bisher in die Vergangenheit zu reisen. Bestimmte Details des Holzmodells – die Flüsse und Stadtgräben etwa - können farblich hervorgehoben und ihre jeweilige Historie mit Texten, die auf zwei Bildschirmen erscheinen, erläutert werden.

Eine Besonderheit sei es, dass das Design des Herforder Mediaguides mit dem Interieur der bürgerlichen Villa Schönfeld aus dem 19. Jahrhundert harmonisiere. Das bringt mit sich, das alles, was dem PC-Spezialisten an Innovativem einfallen mag, stilistisch eingepasst, sprich: mit den anderen Mitgliedern des Museumsteams eingehend diskutiert werden muss. Wenn diese zuweilen komplexe Arbeit geleistet ist, so Wurm, werde der elektronische Mediaguide von unendlich viel höherem Reiz als die »bedruckte Flachware« (Papierprodukte) sein, die man früher in Museen verwendete.

Die Crux ist, dass Museumsbesucher wohlgemut die Resultate von Wurms Arbeit, aber kaum je den betriebenen Aufwand registrieren. Dessen Sichtbarkeit liegt sozusagen hinter den eindrucksvollen Kulissen verborgen. Aber vielleicht zeigt sich doch eine Wertschätzung. In Form des Leuchtens von Besuchergesichtern, wenn die neue Darstellung der Stadtgeschichte sie fesselt.

 

 

     

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Dienstag, 29. März 2016

 

Wenn Erinnerung zur Enge wird

Von MICHAEL GIRKE

 

Die Arbeit an dieser Seite zeitigt einige bemerkenswerte Folgen, bewirkt beispielsweise, dass wenn ich beim Lesen auf einen Satz über Geschichte stoße, mir dieser nunmehr richtiggehend ins Auge springt. Eben dies tat jüngst eine Textpassage des großen Reiseschriftstellers Ryszard Kapuścińskis, in welcher dieser mit Verve eine gewisse Tendenz unserer Zeit beklagt. Weil Kapuścińskis Bemerkung, wie ich denke, mit dem Museum und der Museumsarbeit zu tun hat, gebe ich sie an die Leser dieser Seite weiter:

»Den Begriff der Provinzialität verbinden wir gewöhnlich mit dem Raum. Provinziell ist jemand, dessen Denken sich auf ein marginales Gebiet beschränkt, dem er eine übermäßige, universelle Bedeutung zumisst.

 Doch T.S. Eliot warnt vor einer anderen Provinzialität, nicht der des Raums, sondern der der Zeit: ›In unserer Zeit‹, so schreibt er in seinem Essay über Vergil aus dem Jahre 1944, ›wo die Menschen mit immer größerer Vorliebe Weisheit mit Wissen und Wissen mit Informiertheit verwechseln und Lebensfragen mit den Mitteln einer technisch-mechanischen Begriffswelt zu lösen versuchen, entsteht allgemach eine neue Art des Provinziellen, der man vielleicht schicklicherweise einen neuen Namen geben sollte. Es ist eine Provinzialität nicht des Raums, sondern der Zeit; eine Provinzlerhaftigkeit, für die die Geschichte nichts weiter ist als eine Chronik menschlicher Planungen, die der Reihe nach ihre Schuldigkeit getan haben und dann zum alten Eisen geworfen worden sind; eine Provinzlergesinnung, der zufolge die Welt ausschließlich den Lebenden angehört, während die Toten keinen Anteil an ihr haben. Das Gefährliche an dieser Provinzialität besteht darin, dass wir alle zusammen, sämtliche Völker des Erdballs, zu Provinzlern werden können; wem es nicht passt, provinziell zu sein, der kann nur noch Einsiedler werden.‹«


 

     

 


 

 

 

 

 

 

Sonntag, 06. März 2016

 

Gestern wie heute

Von MICHAEL GIRKE

 

Letzten Samstag fand die ungemein gut besuchte Veranstaltung »Das Museum zu Gast« in dem wunderschön restaurierten Frühherrenhaus in der Petersilienstraße statt. Das Gebäude ist 1591 errichtet worden und hat, wie von Sonja Langkafel zu erfahren war, eine ziemlich wechselhafte Historie erlebt.

Die Museumsleiterin rückte diesmal ein ihr besonders wichtiges Thema in den Mittelpunkt: Herfords Industriegeschichte. Diese ist, anders als manche vermuten, nicht staubtrocken, sondern kann, vermittelt man sie nur richtig, zutiefst bewegen. Das Frühherrenhaus wurde 1868 zum Sitz des 1852 gegründeten »Herforder Vereins für Leinen aus reinem Handgespinst«. Die Initiative zu dessen Gründung war von dem Pfarrer Ameler ausgegangen; der Verein suchte der Krise der heimischen Leinenherstellung beizukommen, die eine Folge der rasant fortschreitenden Industrialisierung war. Attraktion des maschinengefertigten Leinens: der billige Kaufpreis. Demgegenüber stellte man nun gezielt die viel bessere Qualität des handgemachten, ergo teureren hiesigen Leinens heraus, machte diese, wie man heute sagen würde, zum »Markenkern«.

Die Gründung besagten Vereins war aber auch weltanschaulich motiviert. Die heraufdämmernde Fabrikarbeitswelt bekämpften besonders Kirchenkreise vielfach als »Moloch«, der die Menschen ihrer angestammten Lebensweise entfremde und sie, aufgrund des ja tatsächlich nicht seltenen Arbeiterelends, vielleicht auch aufmüpfig machen könne. Ein wertkonservatives Weltbild, so Langkafel, das sich aus heutiger Sicht leicht verurteilen ließe. Aus damaliger aber hätte der Verein des Pfarrers Ameler ökonomisch sinnvoll reagiert; und in den ersten Jahren ja auch einigen Erfolg gehabt. Später freilich musste das hiesige Leinengewerbe dem unaufhaltsamen Siegeszug der Industrialisierung doch Tribut zollen.

Wie im Lokalen auf eine global hereinbrechende Veränderung reagieren, ohne in Fehler zu verfallen? Mit dieser sich angesichts des Themas stellenden Frage waren die Veranstaltungsbesucher sowohl mitten in die Welt von Gestern als auch mitten in die von heute hinein gestellt. Museum at it’s best.


 

     

 


 

 

 

 

 

 

Dienstag, 23. Februar 2016

 

Museum Anders

Von MICHAEL GIRKE

 

Geisterhafte Stimmen hallen durch das Museum. Dialoge, wie sie sich einst in Herford zugetragen haben könnten, etwa über Geld, das in galoppierender Geschwindigkeit seinen Wert verliert. Stimmen und Stimmungen aus einer Zeit der schweren Not, von der man nur hoffen kann, sie möge sich nicht wiederholen.

 

Proben für einen Auftritt bei der Wiedereröffnung der Villa Schönfeld im April. Für die Mitglieder des Laienensembles um die Regisseurin und Pädagogin Karin Wedeking wird es der erste überhaupt außerhalb von Theaterräumlichkeiten sein. Unbekanntes Terrain, das Fragen aufwirft. Im Theater ist klar festgelegt, was Bühne, was Publikumsbereich ist. Wie aber sollen sich die Darsteller spielend durch Räume der Villa bewegen, die dadurch ja in Gänze zur Bühne mutiert, an welchen Stellen was thematisieren? Fantasie ist gefragt. Eben dies beflügelt das Ensemble sichtlich, die Herausforderung, die Lust, Theater einmal ganz anders als bisher anzugehen (und nebenbei auch noch – just for one day - ein Museum zu verwandeln).

 

Später treffen Musiker der Musikschule ein, die ebenfalls bei der Eröffnung mitwirken werden. Dadurch, dass Theater und Musik zusammenkommen, wächst den Spielszenen enorm viel Spannung und Tiefe zu. Aber auch hier noch lauter Fragen. Passt zu diesem Schauspiel besser Musik aus jener Zeit, von der es handelt, oder welche von heute, die den Vorteil hat, dass die Leute sie kennen? Die Ensemblemitglieder und die Musiker probieren, hinterfragen, verwerfen, setzen neu an. Arbeit an einer Aufführung als offener Prozess, der vieles erlaubt und der an diesem Abend nicht endet, sondern fortdauert, wahrscheinlich wohl bis zur Wiedereröffnung der Villa. Die Besucher dürfen gespannt sein.

 

     

 


 

 

 

 

 

 

 

Mittwoch, 23. Dezember 2015

 

Wie ein Museum denkt, Teil 2

Von MICHAEL GIRKE

 

Was hat ein Wandernder des 17. Jahrhunderts beim Darauf-Zugehen von Herford gesehen? Wäre es für Museumsbesucher nicht von besonderem Reiz, wenn man solch einen Wanderblick per Computeranimation nachstellte? Diesen Fragen widmet sich das Villa-Schönfeld-Team bei einem zweiten von mir besuchten Arbeitstreffen.

     Nur: Wie den Anblick des alten Herford rekonstruieren, wenn die Stadtansichten aus jener Zeit zwar phantastisch anzusehen, aber alles andere als verlässlich sind? Beispielsweise haben deren Maler oder Stecher Prachtgebäude, die in Wahrheit hintereinander stehen, kurzerhand nebeneinander gestellt - des Schauwertes wegen. Weitere offene Fragen: Wie viele Bildschirme soll man bei diesem möglichen Ausstellungsobjekt sinnvollerweise einsetzen, wie die schriftlich und visuell mitgelieferten Informationen verknüpfen? Das Teamgespräch, das sich angesichts all dessen entspinnt, berührt immer wieder auch Grundsätzliches. Etwa den Einsatz digitaler Medien. Man schätzt sie und greift sie gern auf, sofern sie etwas beim Publikum bewirken. Substanz aber ist wichtiger als Effekte. Ein Museum, meint die Leiterin, ist eine Bildungseinrichtung, keine des Infotainments.

     An dieser Stelle blende ich die Beschreibung des Teamtreffens aus. Was dabei herauskam, soll nicht verraten, nur noch eine merkwürdige Tatsache erwähnt werden: Wir Museumsbesucher lassen uns gern von Ausstellungsobjekten faszinieren, doch die in sie und ihre Präsentation eingegangene Arbeit ist für uns wie nicht vorhanden. Eine schlimme Wahrnehmungslücke, weiß ich nun, der bei Besuchen der Villa-Schönfeld-Team-Treffen sah, wieviel Zeit, Erfindungsgeist und Kraft jedes Ausstellungsdetail verzehrt.

 

     

 


 

 

 

 

 

 

Montag, 21. Dezember 2015

 

Wie ein Museum denkt

Von MICHAEL GIRKE

 

Welche Gedanken in die Gestaltung einer Ausstellung und ihrer Objekte einfließen, ist der Publikumswahrnehmung in der Regel entzogen. Deswegen nehme ich die Einladung, als stiller Beobachter an zwei Treffen des Villa-Schönfeld-Teams teilzunehmen, dankend an.

Ein Julitag, die Sommersonne stimmt heiter, doch in der Villa regiert der Ernst. Gerade wird diskutiert, wie man jenen Moment des Jahres 1940 präsentieren kann, in welchem die Familie Schönfeld in Folge des Verkaufs ihrer Fabrik aus der Villa auszog. Ein Autor kann das Gestern en Detail beschreiben, ein Museum hingegen suggeriert es. Wie bei einem Film muss ein Bild, ein Motiv gefunden werden, das die Vergangenheit verdichtet zum Ausdruck bringt.

Und zwar so, dass die Verbindung zwischen lokaler Herforder und der historischen Gesamtsituation deutlich wird.

So, dass die Geschichte für jedermann, Kinder ausdrücklich eingeschlossen, greifbar ist.

Und so, dass die Kunstfertigkeiten der Teammitglieder zwar zum Tragen kommen, sich zugleich aber in den Dienst der zu vermittelnden Historie stellen.

Zum Team gehören: Frau Henze (Grafikdesignerin), Frau Müller-Fromme (Innenarchitektin), Frau Langkafel (Museumsleiterin), Herr Wurm (Computerfachmann). Jeder bringt fachspezifische Gesichtspunkte ein, sprich: die Ansichten sind mithin sehr verschieden. Am Ende sollte Einvernehmen herrschen, doch bis dahin … die Teammitglieder wechseln des Öfteren ihre Standorte, perspektivieren das bislang ja allein nur in der Imagination existierende Ausstellungsobjekt. Soll man es besser in einer Ecke des ehemaligen Esszimmers der Villa aufstellen, oder so, dass die Besucher drum herum gehen können … man argumentiert, man disputiert, man legt allmählich Details fest. Längst habe ich den Eindruck, nicht lediglich einem Arbeitsgespräch, sondern einem Museum beim Denken zu lauschen, ihm gewissermaßen in den Kopf zu schauen.

                                                                           Fortsetzung folgt.

     

 


 

 

 

Mittelteil der Gedenktafel in der Petrikirche mit dem Zitat aus dem Hohen Lied der Liebe

 

 

 

Freitag, 18. Dezember 2015

 

Die Lebenden und die Toten, Teil 2

Von MICHAEL GIRKE

 

MG: Ich will das Thema der öffentlichen Erinnerung an Kriegsgefallene noch einmal aufnehmen. Sie haben bei „Das Städtische Museum zu Gast im Rathaus“ dargelegt, die Aufgabe des Historikers sei es, Zusammenhänge aufzuzeigen, die uns Heutigen das Verständnis des Vergangenen ermöglichten. Geht es zu weit, wenn ich Sie nach ihrer persönlichen Haltung zum Umgang mit den Gefallenen in Herford fragte?

SL: Im Fall der Petrikirche und auch sonst steht natürlich die Frage im Zentrum, wie man mit solchen Tafeln heutzutage umgehen soll. Wichtiger Gesichtspunkt: Die Art, wie Gefallene oder Vermisste darauf vermerkt sind. Wie andere Gemeindemitglieder auch, oder hat man einen speziellen Bibelspruch für den Betreffenden ausgewählt, durch welchen dem Toten eine bestimmte Rolle zugewiesen wird? Viele dieser Tafeln verherrlichen ja den Kriegstod, sprechen etwa von Opfern, die gebracht werden mussten …

… eine Instrumentalisierung der Toten mittels einer Ideologie, das konkrete Individuum, schon gar das Elend des Kriegstodes, interessiert gar nicht …

… dem Toten wird die Funktion zugewiesen, den geführten Krieg zu rechtfertigen und es wird betont, dass sein Sterben nicht vergebens war. Es gibt aber noch eine andere Seite. Ein Sohn der Familie Schönfeld ist in den Kämpfen des 1. Weltkriegs gefallen. Die Schönfelds wussten, wo in Frankreich das Grab liegt; Kameraden des Sohnes hatten sich darum gekümmert. Bei anderen war das mitnichten so, die lagen anonym auf Schlachtfeldern, kamen in ein Massengrab oder wurden überhaupt nicht begraben. Für viele Menschen spielt es eine enorme Rolle, einen Ort zu haben, wo man hingehen und der eigenen Toten gedenken kann. Für diese ist ein Name auf einer Tafel in einer Kirche womöglich die einzige Möglichkeit, angemessen zu gedenken.

Die von mir erwähnten Tafeln im Ortszentrum von Leopoldshöhe zeigen, dass im 2. Weltkrieg ab 1943 die Gefallenenzahlen rasant anstiegen. Ein grauenhaftes, traumatisches Geschehen. Wie gingen die Menschen, die Familien damit um, und wer alles trug genau die Verantwortung dafür - solche unangenehmen Fragen stellen diese Tafeln, es sind Mittel gegen die Verdrängung. Gut, dass sie im Zentrum von Leopoldshöhe stehen.

Wenn man ein Denkmal, wie jenes, das früher auf dem Herforder Alten Markt stand, einen neuen und würdigen Platz zuweist wie den jetzt auf dem Alten Friedhof, ist das auch eine Leistung. Und noch eine Anmerkung zu der Gestaltung der Tafel in der Reformierten Kirche. Darauf steht eine Zeile aus dem Hohen Lied der Liebe zu lesen: »Die Liebe höret nimmer auf«. Die Zeile ist in U-Form um die Namen der Kriegstoten angeordnet, wodurch die Aufmerksamkeit auf das einzige waagerecht zu lesende Wort gelenkt wird. Es ist das »Höret« und es kann als Mahnung gelesen werden. Ob der unbekannte Künstler es so gedacht hat, kann ich allerdings nicht sagen.

     

 


 

 

 

Dienstag, 15. Dezember 2015

 

Die Lebenden und die Toten

Von MICHAEL GIRKE

 

Michael Girke: Der erste »Samstag im Museum« außerhalb der Villa Schönfeld fand vor einigen Wochen in der Petrikirche statt, Gotteshaus der Reformierten Gemeinde, welcher die aus dem Lippischen stammende Familie Schönfeld einst angehört hatte. Waren die Schönfelds pro forma Kirchmitglieder oder in der Gemeinde wirklich aktiv?  

Sonja Langkafel: Der Besuch des Gottesdienstes war, soweit ich dies dem Schriftverkehr entnehmen konnte, regelmäßig. Man tauschte sich in den Briefen sogar über die Qualität verschiedener Predigten des damaligen Pastors Schengberg aus. Die Familie war sicherlich nicht bloß pro forma in der Gemeinde, sondern hat sich beim Bau der Petrikirche sehr engagiert - Heinrich Schönfeld und seine Ehefrau Lina taten dies, aber auch seine Mutter Emilie Schönfeld. Die Petrikirche ist 1902/03 als erstes Evangelisches Gotteshaus errichtet worden; die anderen Herforder Kirchen waren ja alle ursprünglich katholisch, bis zur Reformation. Als die Petrikirche gebaut wurde, gab es dafür Geld vom Staat, aber auch die Gemeinde selbst musste welches aufgebringen. Zumal für eine schöne Innenausstattung. Ob die Schönfelds den Bau finanziell gefördert haben, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, dass Heinrich Schönfeld Leuchter gestiftet hat. Und seine Mutter Emilie die geschmackvollen Liedertafeln, auf denen sonntäglich die Nummern der Gesänge angezeigt wurden.

Auffälliges Merkmal der Petrikirche sind jene Tafeln, auf der die Namen der im 1. Weltkrieg Gefallenen aufgelistet sind. Warum finden sich solche Tafeln in Herford in Kirchen? Kommt man in den Ort Leopoldshöhe, kann man solche Tafeln mit Namen Gefallener beider Weltkriege nicht übersehen, denn sie stehen ohne jegliches inszenatorisches Pathos im Ortszentrum. Dies vor Augen dachte ich, in Herford seien die Gefallenen aus der Wahrnehmung entfernt, quasi verdrängt.

 

Das würde ich so nicht sagen. In allen großen evangelischen Kirchen hängen Gefallenentafeln für die diversen Kriege. Der Anfang dieser Tradition liegt in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Damals hat der Preußische König für das preußische Territorium festgelegt: den Gefallenen der Befreiungskriege soll in den Kirchen ein Andenken gestiftet werden. Aus jener Zeit stammende Tafeln können Sie in Herford noch in der Johanniskirche sehen. In Herford hatten wir ja auch Kriegerehrenmäler, die auf öffentlichen Plätzen gestanden haben. Dasjenige auf dem Alten Markt für die Gefallenen der Einigungskriege 1864, 1866, 1871/72; es wurde in den 1960er-Jahren auf den Alten Friedhof versetzt. Und das Kriegerehrenmal bei der Münsterkirche; es waren zwar keine Namen darauf verzeichnet, aber der Toten hat man dort dennoch öffentlich gedacht. Das Denkmal vom Alten Markt ist lediglich an einen anderen, würdigen Ort versetzt worden. Man bewahrt es, und es steht unter Denkmalschutz.

Manche der Tafeln in den Kirchen weisen Zitate aus der Bibel auf, die Kriegshandlungen heroisieren und glorifizieren. Damit hat mancher, nicht zuletzt wegen der 10 Gebote, seine Probleme. In vielen Kirchenggemeinden werden die Tafeln deswegen entsorgt, aber mitnichten in Herford. Bis auf eine für die vier Gefallenen der Einigungskriege, für die in der Reformierten Kirche nach der Renovierung einfach kein Platz mehr war. Aber die hat die Gemeinde dem Museum zur Bewahrung vermacht.

 

 

     

 


 

 

 

 

Sonntag, 13. Dezember 2015

 

Achtung, Baustelle!

Von MICHAEL GIRKE

 

Michael Girke: Den »Schauplatz Museum« habe ich aus familiären Gründen eine Zeit lang unterbrechen müssen. Währenddessen scheinen in der Villa Schönfeld, dies der Eindruck beim Vorbeikommen, lauter interessante Dinge vonstatten zu gehen. Welche genau?

Sonja Langkafel: In den letzten Wochen waren es insbesondere Handwerker, Tischler und Lieferanten, die in der Villa ein- und ausgingen. Will man in einem Museum Exponate zeigen, muss dafür das entsprechende Präsentationsmobilar vorhanden sein. Also wurde jüngst das „Ausstellungsgerüst“, in das unsere Exponate künftig eingebaut werden, geliefert. Dabei wurden laufend Fragen mit bearbeitet: was genau soll an einer bestimmten Stelle wie präsentiert werden, was brauchen wir dafür, was muss evtl. noch besorgt werden, damit die Exponate gut zur Geltung kommen.

Ist Ihre Aufgabe bei all dem mit der eines Bauherren vergleichbar, der ja immer präsent bleiben, ein Auge auf alles werfen muss, damit es wirklich in seinem Sinne abläuft?

Wir arbeiten als Team. Ich bin zwar dessen Kopf, diejenige, die koordinieren muss, aber wir agieren, planen, entwerfen, diskutieren gemeinsam. All die Planungen für die hergestellten Vitrinen und Podeste fielen wesentlich in den Aufgabenbereich unserer Innenarchitektin Frau Müller-Fromme; sie war natürlich vor Ort, wenn etwa die Tischler etwas in einem bestimmten Raum platzierten. Doch wir anderen waren auch dabei, schauten gemeinsam, ob die Ausführung unseren Intentionen entsprach. Dazu noch ein konkretes Beispiel: In der künftigen Dauerausstellung werden auch Medien eingesetzt. Weswegen insbesondere Herr Wurm, unser Medientechniker, gefragt ist. Wird ein Rechner in der Ausstellungsarchitektur versteckt, darf natürlich die Lüftung nicht fehlen. Wo genau die hin muss, kann er als einziger kompetent beantworten.    


 

     

 


 

 

 

 

Montag, 07. Dezember 2015

 

Blitzlichter einer Epoche

Von MICHAEL GIRKE

 

Groß der Andrang bei »Samstags im Museum«. Der ehemalige Magistratssaal des Rathauses, wo die Veranstaltung diesmal stattfand, konnte ihn so gerade bewältigen. Im Fokus zunächst: Otto Weddigen, der prominenteste Herforder mit Meeresneigung.

   Warum und wie er während des 1. Weltkriegs zum Helden stilisiert wurde – das zeigte ein von Sonja Langkafel aus dem Museumsdepot mitgebrachtes Gemälde. Darauf hat der Marinemaler Paul Wallat jenen Moment verewigt, in dem Weddigen und seine U-9-Crew im September 1914 gleich drei britische Panzerkreuzer innerhalb von nur wenigen Minuten versenkten. Eines der britischen Schiffe hat Schlagseite, verzweifelte Matrosen suchen sich vor der Gewalt und dem rauen Meer zu retten. Ein grausames Geschehen, das Wallat aber, entsprechend dem Geist eines kriegführenden und nach Helden dürstenden deutschen Kaiserreichs, als Großtat inszeniert hat.

  

Weddigen, das Für und Wider seiner Kriegshandlungen waren allerdings nicht das Wesentliche von Langkafels Erzählung. Auch nicht der Umstand, dass Wallats gemaltes Epos seit der Fertigstellung des Herforder Rathauses im Jahre 1917 in eben diesem Magistratssaal gehängt war oder Erläuterungen zum alten preußischen Wahlrecht und zur Funktion eines städtischen Magistrats. Nein, all diese Blitzlichtaufnahmen einer Epoche kulminierten in einem Punkt: Heinrich Schönfeld, ein Familienmitglied der Schönfelds also, ging damals ein und aus im Rathaus, disputierte in genau diesem Saal über Lokalpolitik. Für ein paar Momente blickten wir Besucher mit Heinrich Schönfelds Augen in dessen Welt, sahen die verlorene Zeit also mit den Augen eines Toten. Kein Zweifel, dieser Museumssamstag war Geschichtsunterricht von der eindrücklichen Art.         


 

     

 


 

 

 

 

Sonntag, 06. Dezember 2015

 

In eigener Sache

Von MICHAEL GIRKE

 

Wer regelmäßig oder unregelmäßig einen Blick auf die »Schauplatz Museum«-Seite wirft, wird bemerkt haben: eine Zeit lang keine neuen Einträge, Unterbrechung, Schweigen des Chronisten. Der Grund dafür: In dessen Familie gab es einen Krankheitsfall, der alle Aufmerksamkeit und alle Ressourcen forderte.

     Lange hat der Autor dieser Zeilen überlegt, ob und in welcher Form er sich bei den Besuchern der Seite für diese Unpässlichkeit entschuldigen sollte. Er hatte jedoch auch die Worte der Museumsleiterin im Ohr, die einmal gesagt hat, dass so eine Sache wie »Schauplatz Museum« von Menschen gemacht würden, die nun mal nicht annähernd so reibungslos und perfekt funktionierten wie Maschinen. Das ist wahr. Dennoch aber möchte ich angesichts der Unterbrechung - zumal, da das Villa-Schönfeld-Projekt sich gerade eben jetzt in einer hochspannenden Entwicklungsphase befindet -, mein Bedauern ausdrücken; und gleichzeitig ankündigen, dass es von nun an in der gewohnt unregelmäßigen Regelmäßigkeit weiter geht mit dem »Schauplatz Museum«.

 

     

Inge Zintl, o.T. aus der Serie Hands up! von 2015
 

 

 

Christian Stiesch, en transi von 1999

 

 

 

 

 

Mittwoch, 26. August 2015

 

Das Museum als Geisterbahn

Von MICHAEL GIRKE

 

Wer Donnerstag letzter Woche den Oesterlen-Bau betrat, erblickte Bemerkenswertes. Was auf einen ersten Blick wie das gewöhnliche Auspacken und Sortieren irgendwelcher Dinge aussah, entpuppte sich beim Näherkommen als konzentriertes Ausstellungskomponieren. Künstlerin am Werk.

Ihr Name: Inge Zintl. Sie und Christian Stiesch, seines Zeichens Skulpteur, präsentieren demnächst zusammen einige Arbeiten im Oesterlen-Bau. Stile und Angangsweisen beider, die verschiedenen Generationen angehören, unterscheiden sich fundamental voneinander, korrespondieren aber auf sich teils ergänzende, teils kontrapunktische Weise miteinander. "Spurensuche" lautet der Ausstellungstitel, der in sehr umfassendem Sinn gedeutet werden will. Beide, Zintl wie Stiesch, setzen sich mit brisanten Aspekten menschlichen Zusammenlebens auseinander. Bei ihr spielt der letzte Weltkrieg eine zentrale Rolle. Ängste, Zerreißproben, Zerstörung, Gewalt - was macht so etwas mit Frauen und Männern, Eltern und kindern, wie strömt es ein, nistet sich ein, wirkt es nach, und wie kommt man dem bei?

Weil es in dieser Ausstellung um die jüngere Geschichte geht, passt sie sehr gut zurAusrichtung des Villa Schönfeld-Projekts. Doch die Kunst gibt uns Geschichte noch anders, leiser, subtiler - auch nicht so reißerisch, wie die Presse oder Dokumentationen es überwiegend tun. Wo wir also anlangen, wenn wir die Ausstellung Zintl/Stiesch betrachten? Auf den ersten Blick: Bei einer Reflektion über Vergangenes. Bei näherer Betrachtung: Bei unserem Erfühlen und Ertasten über Abgründen des Daseins. Durchaus eine Geisterbahn-, vielleicht auch Höllenfahrt diese Ausstellung, doch dabei wächst einem etwas zu, versprochen. Die Eröffnung von "Begegnungen" ist am Samstag, dem 29.8.15, 16 Uhr 30.

 

 

 

 


 

     

Die Platane im Jahr 2012
 

 

 

Unter der Platane

 Im Garten der Villa Schönfeld, um 1880. Vor der Loggia und dem rechten Fenster steht jeweils eine noch kleine Platane, die an einem Pflanzstab angebunden ist.

 

 

 

Montag, 27. Juli 2015

 

Lob des Baums

Von MICHAEL GIRKE

 

Gerade diejenigen Gegenstände, die zu den vertrauten zählen, können eine erstaunliche Wirkung entfalten, sofern man sie näher betrachtet. Zum Beispiel der alte Baum im Garten der Villa Schönfeld. Eigentlich handelt es sich um eine sie, eine ausgewachsene Platane, eine Riesin, die das Haus um einiges überragt. Welch einen Anblick ihr in viele Richtungen ausstrebendes Astwerk bietet. Ein gewaltiges Flussdelta, das sommers ins Grüne, winters in den Himmel mündet.

     Gepflanzt wohl Ende der 1870er Jahre, als man die Villa fertigstellt hatte, berichtet der alte Baum noch heute von den Bedürfnissen ihrer einstigen Bewohner. Für sie gehörte zum Haus ein Garten dazu, verwachsen, verwunschen, voller schattiger, nichteinsehbarer Stellen. Ein Raum mitten im Getriebe der Stadt, der sich nicht kümmert um Pläne und Termine, wo man der Muße, dem Nachdenken und Ausgelassen-Sein zugetan war. Man darf die Villa nicht ohne Baum und Garten betrachten, die zu ihrer Architektur, ihrem Geist dazugehören.

     Im Sommer, wenn unsere Platane blüht, fällt es ihr leicht, Blicke von Gästen und Passanten auf sich zu ziehen. Laubgrünes Leuchten, verspielte Schatten oder das Rauschen des Baums im Wind - man verliert sich gern in diesem erregenden, aber stillen Schauspiel. Aber selbst im Winter, wenn die meisten Bäume schroff in der Landschaft herumstehen und wie ihre eigenen Grabsteine ausschauen, bleibt sie der schönste Anblick der Umgebung, eine wahre Pracht. Dabei plustert sie sich nicht auf, buhlt nicht, ist frei von aller Künstelei. Der alte Baum begehrt nichts zu sein, als was er ist. Wer einige Zeit zu seinen Füßen verbringt, der wird auf wundersame Weise ruhig, in dem holt es Atem.



 

 

 

 

     

 

Äbtissin Johanna Charlotte von Brandenburg-Schwedt mit Hofdiener Leopold
 

 

 

Leopold mit Ohrring im rechten Ohr

 

 

 

Essener Äbtissin Franziska Christine von Pfalz-Sulzbach mit Hofdiener Ignatius Fortuna

 

Mittwoch, 22. Juli 2015

 

DUNKLE FLECKEN AUF DEM LACK DER ZEIT

Von MICHAEL GIRKE

 

MICHAEL GIRKE: Anlass meines Fragens ist ein Gemälde der Herforder Äbtissin Johanna Charlotte von Brandenburg-Schwedt (1682-1750). Darauf ist sie zusammen mit einem dunkelhäutigen Knaben mit Namen Leopold zu sehen. Können Sie für uns die historischen Hintergründe beleuchten?

 

THORSTEN HEESE: Das Gemälde hat in der Tat eine spannende Geschichte. Dass Sie sagen können, der Knabe heiße Leopold, setzt Forschungsergebnisse voraus, die lange Zeit unbekannt waren. Noch bis in die 1980er Jahre galt das Bild als »Äbtissin mit Mohr«. Der »Mohr« war eine typische kunstgeschichtliche Kategorie, die beim Betrachten der Bilder nicht weiter hinterfragt wurde. Den sogenannten Mohren als Accessoire finden wir besonders auf Kunstwerken des 16. bis 18. Jahrhunderts. Dass es sich dabei um einen Menschen handelte, fiel dabei hinten runter. Heutzutage ist die europäische Kolonialgeschichte, die sich hinter einer solchen Darstellung verbirgt, bewusster; da fragt und forscht man natürlich genauer nach. In unserem Fall haben wir eine Personalliste von 1750 gefunden, in der tatsächlich ein »Mohr« mit Namen Leopold auftaucht. Vermutlich sehen wir auf dem Bild eben jenen Leopold aus der Entourage der Äbtissin Johanna Charlotte. Die Ohrringe, die er auf dem Bild trägt, kennzeichnen ihn übrigens als Sklaven.

Dass der Name Leopold wohl nicht der eigentliche Name dieses vermutlich afrikanischen Kindes ist, dürfte sich jedem erschließen. Er ist wie eine Kolonialware, wie Kaffee oder Tee, über den sog. Dreieckshandel nach Europa importiert worden. Die entsprechenden Geldmittel, solche Menschen zu kaufen und zu besitzen, besaß insbesondere der Adel. Nahezu alle Höfe, deren Mitglieder sich in jener Zeit porträtieren ließen, hatten ihren »Mohren«. Ihn ins Bild zu setzen, hieß, den eigenen Status und Reichtum zu demonstrieren.

 

M.G.: Eigentlich zeigt das Gemälde ja die imperialistische Mentalität Europas in jener Epoche, die auch in dem Wort »Mohr« zum Ausdruck kommt. Müsste man es nicht aus allen Bildtiteln entfernen und durch »Sklave« oder »Rechtloser« ersetzen?

 

T.H.: Jein. Ich würde es eher als Ansatz nehmen, um dieses Thema einmal angemessen zu diskutieren. Die Realität war früher auch nicht so schwarz-weiß, wie die Gesichtsfarben auf dem Gemälde vielleicht vermuten lassen. Unter einem Sklaven stellen wir uns ja eher jemanden vor, der angekettet auf einer Plantage schuften musste. Das Gemälde aber zeigt eine ausgesprochen schöne Szene: die Äbtissin, die dem Jungen fast wie eine Mutter die Hand auf seine Schulter legt. Eine solch persönliche Geste ist für jene Zeit noch sehr untypisch, geschweige mit einem »Mohr«. Das zeigt vielleicht, dass Johanna Charlottes »Mohr« nicht bloße Staffage war, sondern das zwischen beiden ein gutes Verhältnis herrschte.

Dazu passen auch unsere Recherchen: Der Leopold erhielt eine gute Bezahlung, hatte auch freien Tisch, es ging ihm materiell gut. Mit dem Tod der Äbtissin freilich veränderte sich seine Lage. Als deren Sohn die Erbschaft sondierte, notierte er neben Leopolds Namen so etwas wie: »Schlechtes Geschäft!«. Der hätte ihn wohl ganz anders behandelt als seine Mutter. Aber es bleibt der Beigeschmack, dass sich das Verhältnis zwischen der Äbtissin und Leopold zweifellos einem kolonialistischen Kontext verdankt.

 

SONJA LANGKAFEL: Vielleicht sollte ich an dieser Stelle eine Erfahrung aus dem Museumsalltag erwähnen. Wenn Kinder bei Depotführungen dies Gemälde sehen, erachten sie den Leopold zumeist als Sohn der Äbtissin. Der Unterschied der Hautfarben fällt ihnen nicht auf, stattdessen der Umstand, dass sie ihren Arm um ihn legt - das Mütterliche dieser Geste, von dem Herr Heese eben gesprochen hat.

 

M.G.: Ist denn Museums- und Kunstmuseumsbesuchern das Problematische und auch Traumatische, das hinter einem solchen Bild steckt, mehrheitlich bewusst oder nicht bewusst?

 

 T.H.: Ich denke, dass das Publikum das kaum wahrnimmt. Auch heute wird das vermutlich noch von vielen als normal angesehen; war halt damals so. Über die Zusammenhänge muss heute nach wie vor aufgeklärt werden; gerade in der heutigen Gesellschaft, die ja »bunter« wird. In anderen Ländern mit einer längeren Kolonialtradition – die deutsche ist da noch eher überschaubar – ist das meiner Meinung nach viel drastischer. In manchen Antiquitäten- oder Dekorationsgeschäften können Sie dort immer noch einen holzgeschnitzten »Mohren« finden, der ein »schickes Beistelltischchen« abgibt.

 

M.G.: Soll die Institution Museum das aufnehmen und dagegen arbeiten? Oder ist das gar nicht ihre Aufgabe?

 

T.H.: Das ist sogar eine ganz wichtige Aufgabe des Museums. Museen sind »Schulen des Sehens«. Sie lehren uns, bestimmte Dinge überhaupt erst wahrzunehmen, für die man ansonsten blind bliebe. Die Hoffnung ist, dass Museumsbesucher solche Antiquitäten oder Dekorationsstücke mit ganz anderen, wissenderen Augen betrachten, nachdem sie z.B. die Geschichte des realen Menschen »Leopold« hinter dem Gemälde »Äbtissin mit Mohr« verstanden haben.


 

 

     

 


 

 

 

 

 

 

Freitag, 22.Mai 2015

 

Wenn der Zeiger sich neigt

Von MICHAEL GIRKE

 

Kürzlich, als an dieser Stelle über das aufwendig restaurierte Bildnis der Marie von Weilheim Nassau berichtet wurde, blieb ein Aspekt aus Platzgründen außen vor. Und zwar die Frage, warum alte Portraits auch in unserer von einer täglichen Bilderflut geprägten Zeit sehr besondere Gegenstände sind. Ob der wesentliche Grund dafür das Kunstvermögen des jeweiligen Malers ist? Die Vermutung liegt nahe, schließlich hat dieser seine Auftraggeberinnen ja mitnichten realistisch vergegenwärtigt, wusste sie vielmehr je nach Stand – und Eitelkeit – effektvoll in Szene zu setzen.

Wie sehr solch ein Werk faszinieren kann, zeigt das Beispiel der Herforder Äbtissin Johanna von Brandenburg Schwedt (1682-1750), von welcher sich gleich mehrere Konterfeis erhalten haben (sie lagern derzeit im Depot des Museums). Auf einem erscheint sie derart lässig, aufreizend, ja kokett, dass diese gemalte Charmeoffensive auch nach reichlichen 200 Jahren ihre Wirkung nicht verfehlt. Was freilich untypisch ist. In der Regel kehren bestimmte Posen immer wieder. Ein renommierter Kopf taucht aus mystischem Dunkel auf, eine Stirn wird bedeutsam gerunzelt. Kurzum, selbst auf von begnadeten Meistern gefertigten Portraits geht es mithin formelhaft, zuweilen sogar, muss man leider sagen, abgeschmackt zu.

Trotzdem berühren sie tief. Es liegt, vermute ich, daran, dass unser aller Zeiger sich unerbittlich dem Ende zuneigt. Zweifellos erfüllen Portraits repräsentative Zwecke, doch insgeheim zielen sie seit je weiter, sind Versuche, Gevatter Tod ein Schippchen zu schlagen, der unabwendbaren Niederlage gegen ihn einen Gewinn abzutrotzen. Bin ich längst schon zu den Schatten gegangen, beweist mein Portrait, dass ich einmal existiert habe.


 

     

 

Spinnerei Engelbert Schönfeld an der Goebenstraße, hier hat heute die SWK ihren Standort.
 

 

 

1887 ließ Engelbert Schönfeld diese Villa an der Goebenstraße errichten.

 

Montag, 11. Mai 2015

 

DIE BUDDENBROOKS, DAS HERFORDER KAPITEL

Von MICHAEL GIRKE

 

Nein, dem seinerzeit allseits gehuldigten Bismarck konnte er partout nichts abgewinnen: zu konservativ. Er, das ist Engelbert Schönfeld (1832-1913), von dem die zahlreich erschienenen Gäste des 4. »Samstag im Museum« wohl zum ersten Mal etwas hörten. Seine Geschichte indes zog in den Bann.

Charismatisch war er, von eher herbem Charme, Bruder von Heinrich Schönfeld (dem Erbauer der Villa) und wie man heute sagen würde: ein Multitasker. Erfolgreicher Fabrikeigentümer und langjährig im Stadtrat, Mitbegründer der hiesigen Turngemeinde und Initiator von Herfords allererster Bürgerinitiative. Diese forderte mehr Mitsprache in sämtlichen die Stadt betreffenden Belangen. Was Ludwig Quentin gewaltig auf den Zeiger ging, der als Bürgermeister zwar fortschrittlich agierte, zuweilen aber auch in der Manier eines Kleinkönigs.

In Herfords Bürgerhäusern ging es zu wie bei Thomas Manns sich übel fetzenden Buddenbrooks. Nicht enden wollend die Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Schönfeldschen Familienzweigen, nachdem Engelbert die hochgebildete Pastorentochter Elise Melm geheiratet hatte. Darüber schreibt Emile Schönfeld in ihrer Lebenserinnerung, aus der Sonja Langkafel vorlas. Im Fokus der Museumsleiterin stand allerdings nicht Klatsch, sondern vielmehr, dass etwa Friedrich Wilhelm Schönfeld, Vater von Engelbert und Heinrich, um 1830 eine Fabrik in Herford gründete. Wer solch ein Ereignis näher betrachte, so Langkafel, erfahre viel über Deutschlands Industrialisierung, Begleitumstände und Folgen inklusive. Ebenso erzählt Engelbert Schönfelds Turn- und Ertüchtigungspassion etwas über Deutschlands damalige Vorstellungswelten. Viele solche sozusagen familiären Wege in die (Herforder) Vergangenheit weist die künftige Villa-Schönfeld-Ausstellung ihren Besuchern.

Hinweis: Die von Ehrenamtlichen mitgetragene Reihe »Samstag im Museum« geht nun in die Sommerpause. Der Geist der Aktiven pausiert aber keineswegs, sondern werkelt an neuen Ideen und Programmpunkten für die Reihe.

 

 

 

 

     

Belegschaft Herforder Teppichfabrik
 

 

 

 

 

Mittwoch, 22. April 2015

 

Menschen in Licht und Schatten.

Kleines Gespräch mit der Museumsleiterin

Von MICHAEL GIRKE

 

MG: Die Ausstellung in der Villa Schönfeld lässt das Leben einer Herforder Bürgerfamilie um 1900 lebendig werden; und damit auch einige Abschnitte der Stadtgeschichte. Was spannend ist, aber Fragen aufwirft. Stehen doch Angehörige einer städtischen Führungsschicht im Blickpunkt. Was aber ist mit all den Arbeiterinnen, Bäuerinnen, Handlangerinnen?  

 

Sonja Langkafel: Ich würde es anders herum ausdrücken: Wir erzählen im Museum Stadtgeschichte anhand der Familie Schönfeld. Die Stadtgeschichte steht im Fokus, diese Familie ist so etwas wie ein roter Faden. Wenn man anfängt, das Leben einzelner Familienmitglieder oder einzelner Personen überhaupt verstehen zu wollen, muss man sehr viel rundherum gucken. Ganz einfach ausgedrückt: Einen Unternehmer verstehen Sie nicht ohne Arbeiter, ohne die seine Fabrik nicht funktioniert. Also: Es wird kein Schönfeld-, sondern ein stadtgeschichtliches Museum mit einer Dauerausstellung zum Thema 19. und 20. Jahrhundert im Erdgeschoss der Villa. Den zweiten Teil des Erzählfadens wird die Geschichte des  Heimatvereins, bzw. die Museumsgeschichte liefern. Und natürlich wird man bei all dem etwas von Arbeitern hören; überdies auch soweit wie möglich von der männlichen und weiblichen Perspektive; und derjenigen der Kinder.

 

Virginia Woolf, die englische Schriftstellerin, hat einmal geschrieben: Historiker würden nur Herrscher oder Geistesmenschen differenziert betrachten, nie aber die »kleinen Leute«. Diese gerieten stets nur als Masse, nicht als würdige, witzige, mithin lebenskluge Individuen in den Blick. Wie sehen Sie das?   

 

Das ist das Problem der Einzel- und der Kollektivbiografie. Per se ist es natürlich so, dass von den „einfachen Menschen“, weil die ihre Dinge meist einfach bis zum Ende verbrauchen mussten, wenig bis nichts übrig bleibt. Einfache Leute haben so viel damit zu tun, ihren Lebensunterhalt zusammenzukriegen, ihr Überleben zu sichern, dass oft einfach kein Geld für Zusätzliches da ist. Und auch keine Zeit, solch eine Lebenserinnerung zu verfassen wie Emilie Schönfeld sie schrieb. Persönliche Zeugnisse gibt es oft gar nicht. Selbst Fotografien existieren nicht immer, wurden nur zu bestimmten Anlässen, und auch nur bis zu einer bestimmten Schicht nach unten gemacht. So dass man als Historiker manchmal nicht anders kann, als sich diesen Personen in Form einer Kollektivbiografie zu nähern. Dieses Mittel zu benutzen, heißt aber nicht, dass Würde, Witz oder Lebensklugheit einfacher Leute außen vor blieben. Denken Sie nur mal an Edward P. Thompson, der viel über den Eigensinn protestierender Arbeiter geschrieben hat. 

 

 

     

Marie von Nassau-Weilburg
 

 

 

Gäste

 

Montag, 13. April 2015

 

Langsame Heimkehr

Von MICHAEL GIRKE

 

Um das Bildnis einer Toten, eine verzwickte Spurensuche und glückliche Fügungen ging es am dritten »Samstag im Museum«, der wie gewohnt im ehemaligen Esszimmer der Villa Schönfeld stattfand.

     Die Tote, deren gemaltes Antlitz wir zu sehen bekamen, hieß Marie Prinzessin von Nassau-Weilburg und lebte von 1764 bis 1802. Die wahrscheinlich letzte Äbtissin Herfords, wäre sie nicht vor Amtsantritt hinübergegangen in jene Gefilde, von wo keiner zurückkehrt (und die Abtei nicht 1802/03 unwiederbringlich aufgelöst worden). Viele Jahre später, genau gesagt 1992, stieß ein im Museumsarchiv arbeitender Kunststudent auf die Fotografie eines Gemäldes von ihr. Wo aber war das Original? Eine lange, erkenntnisträchtige, zuweilen nervenaufreibende Spurensuche nahm ihren Anfang, deren Schilderung den Blograhmen sprengen würde. Hier nur so viel: Das Gemälde war aufgrund von Erbfolgen und Heiraten zweihundert Jahre lang auf Wanderschaft durch verschiedene ostwestfälische Familien. Irgendwann konnte der aktuelle Besitzer, ein betagter und sehr charmanter Herr Bertelsmann in Bielefeld, ermittelt werden. Bloß mochte er sich von diesem Familienandenken nicht trennen; seine Erbin aber wandte sich schließlich doch wohlgesonnen ans Herforder Museum. Das Gemälde ward aufwendig restauriert und erstrahlt seit kurzem wieder in frischem Glanz. Künftig hängt es als Prunkstück in der ersten Etage der Villa, wo es um Herfords Geschichte vor 1800 gehen wird.

     Tischbein, verrät die Signatur, heißt der Maler des Gemäldes. Aber nein, nicht Johann Heinrich Wilhelm war es, sondern »nur« dessen Verwandter Friedrich August Tischbein. Kein Grund für Melancholie, tat JHW Tischbein sich doch arg schwer mit der menschlichen Anatomie. Betrachtet man beispielsweise sein weltberühmtes Goetheporträt, zeigt sich: der Maler hat den großen Weimarer mit zwei linken Füßen ausgestattet, was einen schallend lachen und die intendierte Erhabenheit des Bildes in sich zusammenstürzen lässt. Glückliche gemalte Marie Prinzessin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     

Bündel Briefe von Emilie Schönfeld noch original verschnürt
 

  Brief an die Braut, Tausendschönchen lautet die Bildunterschrift anspielungsreich

 

Freitag, 06. März 2015

 

VON BRIEFEN UND MENSCHEN – NACHTRAG

Von MICHAEL GIRKE

 

Im letzten Eintrag ist zu lesen, dass ca. 3000 Briefe der Herforder Fabrikantenfamilie Schönfeld erhalten sind. Die Zahl scheint gewaltig, doch war Briefe zu schreiben einst obligat. Jedenfalls in jener deutschen Bürgerwelt des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der die Schönfelds angehörten. Man schrieb, weil die Geschäfte es geboten. Man schrieb, weil die Familie zu erfahren verlangte, wie es einem am Studienort oder auf Reisen erging. Man schrieb, wie man ins Theater ging, Kunst und Wissenschaft wahrnahm oder literarische Klassiker kannte. Kurzum, man schrieb, weil es die Zugehörigkeit zu eben jenem Bürgertum markierte.


Aber da war noch anderes. Briefe schreiben hieß auch, seine tiefsten Empfindungen zum Ausdruck zu bringen, sich über geistige Themen auszutauschen oder, ganz wichtig, jemanden mit Raffinesse zu verführen. Das Schreiben (und Lesen) von Briefen als »Aufbau des Seelischen«. Vorbilder dafür damals: Goethe, Schiller, Rilke und ähnliche Geistesheroen.


Deren Werke, na klar, die gehören ins Museum. Aber Briefe einer »gewöhnlichen« Herforder Bürgerfamilie? Die auch. Geschichte ist nicht, wie man früher dachte, allein die politische Geschichte von Regierungen, Königen, Institutionen, Kriegen. Zur ihr gehören erst recht die Bedürfnisse, Wunschvorstellungen, Meinungen und Flausen der Menschen. Bloß sind diese unsichtbar, vom Verschwinden ärger noch bedroht als Sachen. In Briefen jedoch ist viel vergangenes Innenleben dokumentiert; sie ermöglichen uns Reisen in Herforder Köpfe und Herzen. Unschätzbar also der Wert der Villa Schönfeldschen Briefsammlung - und derjenige der oben geschilderten »Übersetzungen« aus der alten deutschen Schrift von Frau Kosswig und Frau Zintl.

 

 

 

   

Erika Kosswig und Inge Zintl
 

 

Emilie Schönfeld 1915

 

Samstag, 28.Februar 2015

 

VON BRIEFEN UND MENSCHEN

Von MICHAEL GIRKE

 

Zweiter Teil der vierwöchentlichen Reihe »Samstags im Museum«. Die Kaffeetafel ist gedeckt, Erwartung und Spannung zeichnen Gästegesichter. Im Fokus diesmal: Erika Kosswig und Inge Zintl. Beide sind sie imstande, die lang schon nicht mehr gebräuchliche Sütterlinschrift zu lesen. Und helfen dem Museum, indem sie (ehrenamtlich!) die hinterlassene Korrespondenz der Familie Schönfeld aus eben jenem Sütterlin ins heutige Schriftdeutsch übertragen.


Ich dachte zunächst, erzählt Frau Kosswig, nachdem sie einen Brief der Schülerin Emilie Schönfeld (1916 verfasst) vorgelesen hat, das sei bloß Jungmädchengeplätscher; historisch irrelevant. Doch dann wuchs die Neugier. Wer mögen die im Brief erwähnten Personen gewesen sein? Archivbesuche folgten. Geduldiges Blättern in alten Akten des Königin-Mathilde-Gymnasiums. Schließlich Klarheit: Wer in jenem Brief vieldeutbar als »Mamachen« bezeichnet wird, war Emilie Schönfelds Religionslehrerin Fräulein Hoppe. Ein winziges Detail nur, doch bergen die Briefe der Schönfelds reichlich davon. Wer ihnen wie Frau Kosswig nachgeht und sie systematisiert, holt vergangene Zeit- und Lebensumstände wie mit einem Zoom näher heran.


Frau Zintl ist befasst mit später entstandenen Briefen der 1901 geborenen Emilie Schönfeld. Sie schrieb aus Bielefeld, Thüringen und Münster, ihren Schul- und Studienorten, nach Herford. Von nächtlichen Unternehmungen mit Kommilitoninnen ist etwa die Rede. Auskosten studentischer Freiheiten, welches Frau Zintl deutet als Ausdruck einer großen Sehnsucht, auszubrechen aus der Enge bürgerlichen Daseins. Komm ins Offene, Freund.


Emilie Schönfelds Schilderungen, erfahren wir, lassen in Frau Zintl aber auch Erinnerungen an ihre eigene Studienzeit wieder aufsteigen aus versunkenen Gedächtnisschichten. Was zeigt: Die Adressaten alter, historischer Briefe sind wir selbst kaum weniger als diejenigen, an die sie einmal gerichtet waren. Um die 3000 Briefe der Schönfelds sind erhalten. Welch ein Schatz, welche Arbeit. Soviel muss noch übertragen und katalogisiert werden. Indes ist gewiss: die Lust des Publikums, mehr aus und von der Schönfeldkorrespondenz zu erfahren – sie wuchs enorm an diesem Samstag.

 

 

     

gedeckter Tisch
 

 

 

Stuhl

 

Freitag, 30. Januar 2015

 

DIE WIEDERGEFUNDENE ZEIT

Von MICHAEL GIRKE

 

Museen sind Orte des Innehaltens, des Eintauchens in die Vergangenheit, das Lärm nicht gut verträgt. Am heutigen Samstag jedoch gellt ein Stimmengewirr durch die Flure der Villa Schönfeld, zu dessen Beschreibung das Wort Krach durchaus angemessen ist. Und die Museumsleiterin gebietet dem nicht nur keinen Einhalt, sie fällt selbst aus der Rolle, gibt statt ehrfurchtgebietender historischer Ausführungen launige Anmerkungen zum Besten.


Wir befinden uns im ehemaligen Esszimmer der Villa, dessen großzügige und lichte Architektur zum Verweilen und zum Austausch einlädt. Museumsleiterin Sonja Langkafel, wieder gefasst und konzentriert, erzählt die Geschichte eines in der Ausstellung der Villa präsentierten Stuhls. Lange wäre er lediglich einer von vielen im Museumsdepot aufbewahrten, stadtgeschichtlichen Gegenständen gewesen. Dann aber erkannte sie ihn auf einer alten Fotografie der Familie Schönfeld wieder; er hatte also zu ihren Möbeln dazugehört, zu ihrem Alltag.


Ebenso die bald darauf gezeigten Teile eines Service ... »hergestellt von der Firma ›F.B. Selle, Leipzig‹, von deren Produkten sich einst sogar der weltberühmte Kunstpionier Van der Velde entzückt zeigte.« Hierin wurde Salz dargereicht, darin wohl Braten - letztere Erläuterungen der Museumsleiterin muten, nun ja, unspektakulär an, haben es aber in sich. Sie rücken nämlich das vermeintlich ferne Leben unserer Vorfahren seltsam nah, zeigen, dass es von ähnlichen Bedürfnissen, Nöten, Sehnsüchten (und Konflikten) geprägt war wie das heutige.


Zurück zu dem vorhin erwähnten Stuhl. Er ist für Frau Langkafel nun nicht mehr nur irgendein Gegenstand, sondern einer mit spezieller Aura, ein Mittler zwischen Heute und Gestern, der uns Nachgeborenen konkret vor Augen führt, wie man früher gelebt hat.


Die künftige Ausstellung in der Villa, an deren Präsentation das Team derzeit noch arbeitet, wird autobiografisch ausgerichtet sein. Sprich: Die Hinterlassenschaften der Familie Schönfeld führen uns in ein Herforder Leben im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das ja mitnichten ausschließlich ein lokales war. Einst verkaufte die Industriellenfamilie ihre Fabrik an die Stadt, von dem eigenommenen Geld ließ sich gut existieren. Dann aber die jähe Verarmung. Warum? Wegen des Ersten Weltkriegs, genauer: seiner Folgen, zu denen die katastrophale Hyperinflation im Deutschland der beginnenden 1920er Jahre gehörte. Zeit der rasenden Geldentwertung, die auch die Schönfelds zu spüren bekamen. Wie man sieht: Das sogenannte große Ganze zeigt sich im Allernächsten, Privaten.


Geschichte als etwas von Menschen gemachtes und erlebtes vor Augen zu führen, ist die Aufgabe, der sich das Team der Villa Schönfeld verpflichtet hat. Keine Nostalgie also, kein wehes »yesterday all my troubles were so far away«, dafür Einsicht in die ganze Fülle zufälligen, sinnvollen, schmerzlichen, jedenfalls tatsächlich gelebten Lebens. Solche Reisen in die jüngere Herforder Vergangenheit finden von nun an übrigens am jeden letzten Samstag im Monat statt - in der Villa Schönfeld.