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Was war, kann und soll Heimat sein?
Antworten gab der „PhilosophierLust“-Abend im Städtischen Museum

Der Philosophieabend mit Michael Girke unter der Überschrift „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ hatte im Vergleich zu den Vorgängern eine besondere Nuance. Der Publizist beschäftigt sich schon länger mit dem Thema „Heimat“ und hatte eigene Texte dabei. Seine Einführung bekam daher den Charakter einer Lesung, wobei er aber nicht nur aus eigenen Texten vortrug, sondern auch aus den Werken anderer Autoren.

Das Foto zeigt Michael Girke vor einem Foto in der Dauerausstellung des Städtischen Museums, das bis in die 1950er Jahre „Heimatmuseum“ hieß.

Das Foto zeigt Michael Girke vor einem Foto in der Dauerausstellung des Städtischen Museums, das bis in die 1950er Jahre „Heimatmuseum“ hieß.

 

Girkes Textauswahl zeigte anschaulich, dass sich in den letzten 200 Jahren zwei große Lager ausmachen lassen. Die Vertreter aus dem einen verteidigen und glorifizieren Heimat, die Anhänger aus dem anderen polemisieren und verdammen sie. Zu letzteren gehört das Gründungsmitglied der Grünen Thomas Ebermann, der in seinem Buch „Linke Heimatliebe“ die Bemühungen linker Politiker*innen, Heimat neu zu interpretieren, kritisiert. Für Ebermann sind linke Positionen mit Heimat unvereinbar, denn Heimat ist für ihn eine Ideologie, die Probleme romantisiert und mit der „schlechten“ Gegenwart versöhnen will. In Begriffen wie „Verwurzelung“ und „Bodenständigkeit“ macht er eine gefährliche Dimension aus, weil sie Ausgrenzung provozieren und zur Basis von Rassismus werden können.


Die Vorstellung der Verteidiger begann Girke mit den Romantikern, in deren Werken in Zusammenhang mit Heimat von Vertrautheit und Geborgenheit, aber vor allem auch von Sehnsucht und Heimweh nach Fernem, kaum Erreichbarem die Rede ist. Texte von Freiligrath und von Eichendorff spiegeln wider, wie den Dichtern die Veränderung der Welt durch die Industrialisierung unheimlich wurde.


Der Heimatbegriff wird im 19. Jahrhundert aber nicht nur in der Literatur mit Gefühlen aufgeladen, sondern auch in der Politik. Die gegen die napoleonische Besatzung aufbegehrenden Deutschen verbinden ihn mit dem Begriff „Nation“. Die Staatsnation wird zum erklärten Ziel und mit der Reichsgründung erreicht. Propaganda lädt „Heimat“ mit Nationalstolz zu einem völkischen, gegen Fremde gerichteten Gefühl auf, dem nach 1871 in den überall aus dem Boden wachsenden Nationaldenkmälern sichtbarer Ausdruck verliehen wird. Texte von Friedrich List, Namensgeber einer Herforder Berufsschule und Straße, Heinrich von Treitschke und Heinrich Heine trug Girke als Zeugnisse dafür vor.


Er schloss seine Lesung mit Texten, die für ihn eine mögliche Position zwischen den zwei Hauptlagern kennzeichnen. Sie streichen die Suche nach Nähe und Vertrautem, also Heimat, als Notwendigkeit für den Menschen heraus und finden auch für hässliche Orte schöne Worte. Jean Améry, der auf Heimat aus der Sicht des Exilanten schaute und sagte, „man muss Heimat haben, um sie nicht nötig zu haben“, war vertreten, ebenso Marie-Luise Kaschnitz und Joseph Roth. Die Soziologie vertrat Richard Sennett, als Philosoph zitierte Girke Christoph Türcke, der betont, dass wirkliche Nähe und Verbindung nur mit viel Zeit entstehen. Mit dem gemeinsamen Buch des Kulturwissenschaftlers Hermann Bausinger und der baden-württembergischen Landtagspräsidentin Muhterem Aras, in dem ein gemeinsames kulturelles Gedächtnis in einer von Migration gekennzeichneten Gesellschaft thematisiert wird, schloss Girke seinen Lesereigen. Im anschließenden Gespräch stellten sich die Teilnehmer*innen der Frage, was für sie Heimat ist und was in ein Heimatmuseum gehört.

 

Wer nachlesen möchte, hier die Titel einiger Bücher, aus denen Michael Girke Texte vorgetragen hat:

Jean Améry: Jenseits von Schuld und Sühne, 1966
Thomas Ebermann: Linke Heimatliebe, 2019
Hermann Bausinger, Muhterem Aras: Heimat, kann die weg?, 2019
Herbert Grundmann: Vom Ursprung der Universität, 1957
Andreas Kossert: Kalte Heimat, 2008


 

 

 

 

   

Der Mensch und seine Rechte
Philosophie setzt Maßstäbe für politisches Handeln

Schnell war die erste Veranstaltung aus der Reihe „Philosophier-Lust“ ausverkauft, die jetzt im Städtischen Museum Herford nach coronabedingter Pause wieder starten konnte. Thematisch angebunden an die aktuelle Sonderausstellung „Bildergeschichten: Der Nahe Osten und wir“, die noch bis zum 9.Ausgust zu sehen ist, stand der Abend unter dem Motto „Der Mensch und seine Rechte“.

Das Foto zeigt Michael Girke mit Klaus Peter Raillard vor Fotografien von Katharina Eglau.

Das Foto zeigt Michael Girke mit Klaus Peter Raillard vor Fotografien von Katharina Eglau.

 

Gleich zu Beginn betonte Michael Girke, der Dozent der Philosophie-Reihe, wie sehr das gewählte Thema in der Reihe heraussticht, da das Denken, die Philosophie, in diesem Fall nicht nur als Reflexion zu einem Thema anzusehen ist, sondern das Recht und die Politik seit Jahrhunderten prägt und damit Maßstäbe für unser aller Zusammenleben setzt. In seiner Rückschau auf die Ursprünge und Quellen unseres Verständnisses von individuellen Rechten und einem von ihnen geprägten Umgang mit einander nahm er die Teilnehmer anschließend mit auf eine Reise, die bis zu der mehr als 2500 Jahre alten ägyptischen Weisheitsliteratur zurück reichte. Sie führte über die kirchlich geprägten Vorstellungen des Mittelalters, die Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts bis zu der Gründung der Vereinten Nationen und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948. Wie weit es von dieser Erklärung über die Ratifizierung bis zur tatsächlichen Umsetzung und Verwirklichung der Menschenrechte wie wir sie heute verstehen, war und ist, lässt sich an zahlreichen Konflikten in der Welt ablesen und auch an einigen Fotos der Ausstellung, in der die Veranstaltung stattfand, deutlich.

Die Idee der Menschenrechte, so zeigte sich bei diesem Rundumblick, ist eine, die stark von der jeweiligen Zeit geprägt ist, in der sie diskutiert wird. Dies wurde auch in der Unterhaltung Girkes mit dem für den Abend geladenen Gesprächsgast, Klaus Peter Raillard von Amnesty International Herford sichtbar. Raillard betonte, der wichtigste Fortschritt für die Idee allgemein gültiger Menschenrechte sei die Erklärung und Kodifizierung der Rechte, denn dadurch sei ein anderes Bewusstsein für ihre Bedeutung und Tragweite entstanden. Nicht zu vergessen sei, dass auch außerhalb der europäischen Tradition liegende Quellen vorhanden sind und sich die Menschenrechte zudem ständig entwickeln und verändern. Letzteres wird vor allem deutlich, wenn sich der Blick auf die Entwicklungen in der Informationstechnologie richtet und das Recht auf die Verwendung der eigenen Daten in den Fokus rückt.

In der abschließenden offenen Gesprächsrunde mit den Teilnehmenden wurden weit reichende Fragen nach der Begründung der für uns heute scheinbar selbstverständlichen Rechte angesprochen. Was gibt vor, was Menschlichkeit ist, wie das eigene Verhalten gegenüber dem Anderen sein soll? Die Religion, wie im Mittelalter? Die Vernunft, wie zur Zeit der Aufklärung oder der Wunsch nach Frieden wie 1948? Wie gehen wir selbst mit konkurrierenden Vorstellungen von Rechten um? Und wie stehen wir zu der Frage, ob es legitim ist, Kriege zu führen – und damit Menschenrechte zu verletzen -, um am Ende Menschenrechte durchzusetzen?


Der nächste Termin der „Philosophierlust“ im Museum findet am 30. Juli unter dem Stichwort „Heimat“ statt. Auch diese Veranstaltung ist bereits ausgebucht.